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SWR1 Begegnungen

04OKT2020
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Markus Wolter Privat

… und mit Markus Wolter. Seit zwei Jahren ist der Agrarwissenschaftler Mitarbeiter beim Katholischen Hilfswerk MISEREOR, wo er Ansprechpartner für Fragen rund um Landwirtschaft und Ernährung ist. Markus Wolter hat schon so einiges gemacht. Unter anderem war er als Landwirt auf einem Biohof tätig, hat sich intensiv mit artgerechter und ökologischer Schweinehaltung beschäftigt und auch in der Entwicklungshilfe in Afrika gearbeitet. Und weil die Kirchen heute das Erntedankfest feiern, habe ich mit ihm auch darüber gesprochen. Denn Landwirt zu sein, das ist für Markus Wolter … 

… der wichtigste Beruf auf der Welt, weil, er versorgt uns mit Mitteln zum Leben… und ohne die geht es nicht.Und daher ist das Erntedankfest eigentlich ein wunderbares, ganz zentrales Fest um einfach Danke zu sagen für die Menschen, die da jeden Tag den Buckel krumm machen und in den Stall gehen und auf dem Acker sind und ernten und für uns Lebensmittel herstellen. 

Doch hat unsere Lebensmittelproduktion heute, frage ich mich, nicht viel mehr mit einer Industrie als mit ländlicher Idylle zu tun, wie sie bisweilen noch beim Erntedankfest beschworen wird? 

Dieses System der Lebensmittelproduktion hat sich in den letzten Jahrzehnten … stark gewandelt … und das erleben wir hier in Deutschland zum Beispiel beim Thema Verlust der Artenvielfalt oder Belastung des Grundwassers, durch zu viel Düngemittel. Ein wichtiges Thema ist aber auch das Thema Tierwohl, wo eben Tiere ihre arteigenen Verhaltensweisen nicht mehr ausleben dürfen, z.B. nicht mehr an die frische Luft können, nicht mehr wühlen können, nicht mehr spielen können.  

Und somit nicht artgerecht leben können. Darum engagiert sich Markus Wolter mit Misereor für einen grundlegenden Wandel bei der Herstellung von Lebensmitteln. Der Schlüssel ist dabei für ihn der Preis, der im Laden nur selten die wirklichen Kosten widerspiegelt. 

Wenn ich jetzt in den Discounter gehe und mir günstig abgepacktes Hackfleisch kaufe für 1,99, dann scheint das erst mal in meinem Portemonnaie sehr, sehr günstig, aber die ökologischen und sozialen Kosten, die damit einhergehen, z.B. mit der Abholzung von Regenwald in Südamerika, weil dort das Soja für unsere Schweine angebaut wird, die bezahlen alle!  

Darum ist er dafür, dass diese ökologischen und sozialen Kosten eingepreist werden. Aber auch die positiven Beiträge von Landwirten etwa für die Qualität der Ackerböden oder mehr Artenvielfalt. 

Konventionelles Schweinefleisch würde deutlich teurer werden. Denn damit einher gehen wirklich hohe Kosten, die weltweit entstehen, und die vor unserer Haustüre entstehen. Was zum Beispiel nicht viel teuer werden würde und was unserer Gesundheit und der Umwelt besser tun würde, sind pflanzliche Produkte, und wenn diese auch noch bio sind, sind die Mehrkosten eigentlich fast gar nicht da. D.h. Produkte, die sowohl für die Umwelt als auch für mich günstiger sind und gesünder sind, die würden gar nicht viel teurer werden. 

Markus Wolter will keinem vorschreiben, was er essen darf. Aber er möchte, dass der Preis im Laden die tatsächlichen Produktionskosten widerspiegelt. Denn das würde am Ende allen nützen, auch denen, die auf Äckern und in Ställen hochwertige Lebensmittel herstellen.

Was das für ihm mit Erntedank zu tun hat. Darüber spreche ich mit ihm gleich nach der Musik.

Der Agrarwissenschaftler Markus Wolter beschäftigt sich beim katholischen Hilfswerk MISEREOR u.a. mit den wirklichen Kosten unserer Lebensmittel. Denn die seien oft viel zu niedrig kalkuliert, sagt er. Doch was bedeutet das für Menschen, die schon heute auf Tafeln angewiesen sind, weil sie sich selbst die billigen Lebensmittel kaum leisten können? 

Es ist ja eh ein Skandal, dass es so was wie die Tafel gibt. Dass also nicht jeder in der Lage ist, von dem, was er bekommt, sich in einem Laden so zu ernähren, dass er ohne diese Tafeln auskommt. Und wenn es dann so sein sollte, dass Menschen in den Mangel kommen und dass es sie noch ärmer macht, dann braucht es für diese Menschen auf jeden Fall ne Unterstützung um es abzupuffern und abzufedern. Das ist gar keine Frage. 

Was übrigens auch für die Landwirte gilt, die Zeit und Hilfe brauchen, wenn sie ihren Betrieb umstellen wollen. Darum sieht er in dieser Frage auch die Politik in der Pflicht. So will die EU- Kommission: 

Zum Beispiel die Reduzierung des Pestizideinsatzes bis 2030 um 50 Prozent und die Erhöhung der ökologischen Landwirtschaft auf 25 Prozent der Fläche. Das finde ich ziemlich sensationell und geht auf jeden Fall in die richtige Richtung einer nachhaltigeren Landwirtschaft.  

Denn dass sich grundlegend etwas ändern muss, daran besteht für Markus Wolter kein Zweifel. Allein schon, weil die Natur uns dazu nötigen wird. 

Die Option des Weiter-So, die gibt es nicht und ich wage die steile These, dass die Zeit der billigen Lebensmittel bald vorbei sein wird. Weil einfach die Landwirtschaft in immer größere Probleme kommt.Sei es durch die Extremwetterereignisse, die wir haben, durch Dürren. 

Was mit dazu führt, dass immer mehr Ackerböden zerstört werden. Womit wir wieder bei Erntedank wären und bei der Frage, wie wir mit dem umgehen, was wir so gern die „Schöpfung“ nennen. Für Markus Wolter eine spirituelle Frage. 

Ich bin selber christlich aufgewachsen. … Und daher war das total schön, diese Möglichkeit, bei Misereor zu arbeiten. Für mich war entscheidend, dass ich eben ... meine Spiritualität auch in meine Arbeit bringen kann.   

Und was bedeutet es dann für ihn, den Agrarwissenschaftler und früheren Landwirt, Erntedank zu feiern? 

Für mich ist das ein ganz wichtiges Fest, weil ich weiß, unter welcher harter Arbeit, unter welchen Entbehrungen und welchem Risiko Landwirte, Landwirtinnen weltweit für uns Lebensmittel produzieren und da kommt mir auf einmal die Schöpfung sehr, sehr nah. Und da merke ich einfach, dass in Wirklichkeit eben Gott für mich überhaupt nicht fern ist, und das ist so mein Lieblingswort aus der Bibel, aus der Apostelgeschichte: „Wir sind mit unserm ganzen Leben und Sein in ihn hinein verwoben“, heißt es dort und ich spüre Verbindung sowohl mit dem, der das produziert hat, als auch mit dem Produkt selber und daher ist es für mich ein ganz wichtiges, ja auch spirituelles Ereignis, was da an Erntedank ist, was es ganz toll erlebbar macht.

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