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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

01OKT2020
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Rassismus. Bisher war immer klar für mich: Damit habe ich nichts zu tun. Wenn andere über „die Ausländer“ sprechen oder wenn Menschen wegen ihrer Hautfarbe blöd hinterhergerufen wird, dann distanziere ich mich natürlich davon. Manchmal sage ich auch was. Aber reicht das?

Vor ein paar Wochen habe ich ein Buch dazu gelesen: „exit RACISM“. Die Autorin Tupoka Ogette ist Schwarze Deutsche und Rassismusforscherin. Zusammen mit anderen sagt sie: Rassismus ist in unserer deutschen Gesellschaft so tief verankert, dass weiße Menschen ihn gar nicht mehr erkennen können. Und das gilt vielleicht gerade für die, die Rassismus entschieden von sich weisen und sagen: Damit habe ich doch nichts am Hut.

Die Augen geöffnet hat mir vor allem eine Liste mit „weißen Privilegien“. Damit sind Dinge gemeint, die mir als weißem Menschen zu Gute kommen: Als Weißer bin ich zum Beispiel bisher nur von Menschen meiner eigenen Hautfarbe unterrichtet worden. Ich kann schlampige Kleidung tragen, zu spät kommen oder mit vollem Mund sprechen, ohne dass andere denken, das hätte mit meiner Hautfarbe zu tun. Wenn ich irgendwo eine Absage bekomme, dann mit Sicherheit nicht, weil ich weiß bin. Ich werde nicht ständig von fremden Personen zu meiner Herkunft und Familiengeschichte befragt. Und niemand wundert sich über meine guten Deutschkenntnisse oder lobt mich gar dafür.

All diese Privilegien stehen mir rund um die Uhr zur Verfügung, wie ein „unsichtbarer gewichtsloser Rucksack“. Das alles ist so selbstverständlich, dass ich mir kaum ausmalen kann, wie es ohne diese Privilegien wäre. Und trotzdem lohnt sich dieses Gedankenexperiment. Wie anstrengend und frustrierend muss es sein, andauernd über die Hautfarbe definiert zu werden und sich dafür rechtfertigen oder schämen zu müssen!

Natürlich bin ich nicht schuld daran, dass ich weiß bin und dadurch Vorteile habe. Meine weißen Privilegien schützen mich auch nicht vor Diskriminierung in anderen Lebensbereichen. Und weiße Menschen haben oft genauso zu kämpfen im Leben. Aber es ist eben nicht meine Hautfarbe, die mir Hindernisse in den Weg stellt.

Das zu wissen und zu bedenken, dafür bin ich schon verantwortlich. Und ich will mithelfen, auch diesen versteckten Rassismus in unserer Gesellschaft sichtbar zu machen. Damit er vielleicht überwunden werden kann eines Tages.

Diese Verantwortung habe ich auch als Christ. Das hängt auch mit Jesus Christus zusammen, von dem die Christen ja ihren Namen haben. Der hatte nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht weiße Hautfarbe so wie ich.

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