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SWR3 Gedanken

23SEP2020
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Moria und kein Ende – immer neu kommen Bilder bei uns an von der Insel, auf der Geflüchtete in Obhut der EU, zu Obdachlosen am Straßenrand geworden sind. Eine Insel am Rand von Europa, Urlaubsinsel, paradiesische Trauminsel. Für die Geflüchteten jetzt nur noch die Hölle.

Keine Bilder hingegen von den Lagern auf Kreta und den anderen Inseln, wo es kaum besser ist. Im Libanon leben seit Jahren Geflüchtete aus Syrien in Lagern, so viele wie ein Drittel der Zahl der Bevölkerung des Landes.
Keine Bilder auch aus Libyen, wo Menschen in Lagern gefoltert und vergewaltigt werden. Keine Bilder von den Booten auf dem Mittelmeer, Hilfsorganisationen dürfen mit ihren Schiffen nicht mehr starten, deswegen keine Bilder.

Fünfhundert Jugendliche sollten schon vor einem halben Jahr nach Deutschland kommen. Angekommen sind nur fünfzig, wegen Corona natürlich. 1500 von 12000 sollen nun kommen dürfen.

Das sei Nächstenliebe, heißt es. Wer politisches Kalkül vor Menschlichkeit setzt, mag sich vielleicht politisch vernünftig nennen, hat aber kein Recht sich der Nächstenliebe zu rühmen.

Wir haben Platz und Möglichkeiten, Wohlstand und Menschen die gerne helfen. Aber einfach zu viel Angst vor den Rechten. Das ist das Problem. Dafür betreiben wir einen Ausverkauf des Wortes Nächstenliebe in diesen Wochen mit einer Selbstverständlichkeit im politischen Diskurs, die mir Angst bereitet. Denn ohne Nächstenliebe, ohne Barmherzigkeit –was für ein Europa bleibt uns da?

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