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SWR1 Begegnungen

19JUL2020
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Jochen Partsch

Jochen Partsch, ehemaliger Ministrant, Friedensaktivist und heute Oberbürgermeister von Darmstadt, einer digitalen Vorzeigestadt.

Wir hatten zuhause eine Gastwirtschaft, Landwirtschaft, Metzgerei, Forstwirtschaft. Ich war bei den Ministranten, bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Fußballverein, und … du kennst im Grund jeden. Und die kannten mich natürlich auch. Und das war schon relativ brutal, als die Feldjäger mich dann da auch raus holten, dass Leute, die ich gut kannte, mich wüst beschimpft haben. … Bis zu dem hin, was man aus manchen Milieus kennt: Da hat man vergessen, jemand zu vergasen. Das waren durchaus Sprüche, die in den 70er Jahren noch gefallen sind.

Mit 21 Jahren war Partsch Mitbegründer der Grünen im Landkreis Bad Kissingen, er machte Zivildienst an der Uniklinik in Göttingen und studierte dort Sozialwissenschaften. Soziales Engagement begleitet seinen ganzen beruflichen Weg – immer aus einer konsequent christlichen Grundhaltung heraus.

Wir Christen, wir müssen uns um die Mitmenschen kümmern. Das ist also sozusagen das universalistische christliche Menschenbild, das ist eines der Barmherzigkeit, der Liebe und des gemeinsamen Zusammenlebens. Wenn ich mir selber da zuhöre, hört sich das alles so furchtbar Wort-zum-Sonntag-mäßig an, aber faktisch ist es so. Das ist natürlich ein mächtiger Antrieb, der in der Kindheit und Jugend auch belegt werden kann, und der viele von denen, die mit so einem christlichen Grundverständnis aufgewachsen sind auch antreibt.

Die Mühen der Realpolitik bestimmen den beruflichen Alltag von Jochen Partsch. Die christliche Prägung seines Denkens ist geblieben.

Das Mitleiden Jesu, die Bergpredigt, der Versuch, auf Schwache zuzugehen und Schwache auch zu verstehen … Derjenige unter euch, der ohne Fehl ist, werfe den ersten Stein … und was ist mit dem Splitter in deinem eigenen Auge … du siehst den Splitter im Auge des anderen und den Balken in deinem eigenen Auge siehst du nicht, das sind im Grunde alles humanistische Positionen, aber auch aufklärerisch-reflexive Positionen, weil wir herausgefordert sind sozusagen mit unserer eigenen Selbstgerechtigkeit und Selbstüberzeugung sozusagen darüber nachzudenken, ob das denn der Weisheit letzter Schluss ist, und ob das nicht unsere kleine Existenz und unsere kleine Seele nicht noch viel weiter einengt.

… sagt Jochen Partsch, seit 2017 Oberbürgermeister einer digitalen Vorzeigestadt.

Jochen Partsch und die Wissenschaftsstadt Darmstadt gewannen 2017 den Bitkom-Wettbewerb „Digitale Stadt“. Seitdem werden dort mit viel Bürgerbeteiligung kleine und größere Projekte für eine digitale Vorzeigestadt entwickelt. Was reizt den grünen Oberbürgermeister daran?

Diejenigen, die glauben, Digitalisierung verhindern zu können, überschätzen ihre Möglichkeiten, sagt ein kluger Mann. Und diejenigen, die glauben, Digitalisierung bejubeln zu müssen, unterschätzen ihre Wirkung. Für mich war völlig klar, wir machen das.

Es gibt zwei große Varianten der Digitalisierung: Es gibt die US-amerikanische, die sozusagen ökonomisch getrieben ist, die Kolonialisierung der Lebenswelt durch die großen Unternehmen, Amazon, Google, Facebook, wie die alle heißen.

Und die zweite Variante?

Die zweite Form ist die chinesische Form der Digitalisierung mit Bonus-System, mit Total-Überwachung. Und ich glaube, wir brauchen eine europäische Form der Digitalisierung, wo wir die Chancen der Digitalisierung wahrnehmen aber sozusagen auch weiter freie, selbstbestimmte Menschen sein wollen in europäischen Städten. Die freie und offene Gesellschaften sind mit Diskurs, mit Anonymität. Digitalisierung ist ein politisches Handlungsfeld. Und wir wollen nicht einfach Objekte von großen Digitalisierungsunternehmen sein oder von wem auch immer, sondern wir sagen: Das ist schon auch eine Aufgabe für die Kommune, für die Stadt und für die städtischen Akteure.

Energisch hat sich Jochen Partsch in den vergangenen Jahren immer wieder dafür eingesetzt, dass der Darmstädter Weihnachtsmarkt erst in der Woche vor dem ersten Advent beginnt, und nicht, wie vom Handel gewünscht, schon vor dem Totensonntag. Warum?

Insbesondere der Totensonntag ist nicht nur für die Christen, sondern in seiner Bedeutung für die Gesellschaft in Deutschland insgesamt so wichtig, dass ich finde, dass man darauf Rücksicht nehmen sollte.

Der Job eines Oberbürgermeisters ist eine Never-Ending-Story, oft auch aus tausend mühsamen Kleinigkeiten. Woher nimmt Jochen Partsch seine Kraft, wenn es eng wird?

Also, ich nehme meine Kraft aus einer wirklich sehr starken, zuversichtlichen Haltung, was das Leben angeht. Ich glaube, es ist so, dass wir so viele Chancen und Möglichkeiten haben, und dass wir auch in schwierigen Situationen letztendlich immer noch in einer anderen Lage sind als viele Menschen vor uns, gerade wenn wir uns die Situation in Tyranneien angucken, aber auch die weltweite Situation von Menschen, denen es so schlecht geht.

Ich denke, wir müssen vorsichtig sein, dass wir nicht bigott unsere eigenen Schwierigkeiten allzu sehr überhöhen. Es gibt schon auch   Situationen, wo ich angegriffen bin, wo ich denke wie soll das denn weiter gehen?

Und dann?

Das ist, sagen wir mal, eine kurzzeitige Betrübnis, aber wie gesagt: das kommt vor, aber … Gottvertrauen ist wichtig, Zuversicht ist wichtig. Wir dürfen uns selbst nicht so wichtig nehmen, aber wichtig genug, um zu wissen, dass es auch auf uns drauf ankommt.

… sagt der Darmstädter Jochen Partsch, seit fast 10 Jahren erster grüner Oberbürgermeister einer hessischen Großstadt.

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