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SWR1 Begegnungen

01JUN2020
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Heike Springhart

Wolf-Dieter Steinmann trifft Pfarrerin und Privatdozentin Dr. Heike Springhart, Pforzheim

Fußballer sagen ja oft: Das Spiel ist im Kopf entschieden worden. Die Einstellung macht es, der Spirit. Ganz ähnlich ist es an Pfingsten. Da geht es auch darum, was für ein Geist das Leben antreibt und prägt. Wird gejammert, geht jeder gegen jeden? Oder ist da der gute Geist Gottes am Werk, der belebt und in Bewegung bringt? Heike Springhart könnte jammern in der Krise. Aber die Pfarrerin strahlt erfrischend Leben aus. Gottesdienste darf sie nicht feiern. Also bringt sie Videoandachten unters Volk übers Internet.

Es ist insgesamt ne andere Zeit, weil ich im Moment wenig physischen Kontakt zu meinen Gemeindegliedern hab, weil ich zur Risikogruppe gehöre. Auf der anderen Seite, dass wir so ne Videoandacht machen, heißt, dass ich da Stimmen aus aller Welt integrieren konnte. Und das würde ich ja sonst in nem Pfingstgottesdienst nicht können. Heißt, dass ich 11 Menschen in verschiedenen Ländern angeschrieben habe. Freunde Kollegen. Und sie gebeten habe, eine Zeile aus dem 150. Psalm auf koreanisch, japanisch, rätoromanisch zu lesen.

Auch wieder wie beim Fußball. Pfingsten, der Geist Gottes und die Kirche. Sie stiften Gemeinschaft weltweit. Sprachgrenzen werden überwunden, Ländergrenzen. Und der Geist Gottes soll die Kirche prägen.

Dass der Heilige Geist eben uns aus den Kirchenmauern rausweht. Frischen Wind für die Kirche gibt. Also die Verschiedenen verbindet.

Für Heike Springhart bringt dieser belebende Geist nicht nur die Kirche auf Trab. Sie ist sicher, er weht und wirkt auch in den Alltag von Menschen hinein. Steht schon in der Bibel, kurz und knackig: „der Geist weht wo er will.“ Sie spürt das zB.

In den Momenten, wo ich in nem Gespräch merke, hier passiert was, was größer ist als wir beide. Und das kann sein, weil ich mich auf ne tiefere Weise verstanden fühle durch mein Gegenüber. Oder weil sich plötzlich in einer verfahrenen Situation eine Lösung einstellt. Oder auch in kreativen Prozessen: wenn man mit anderen was entwickelt und das dann irgendwie aufgeht und auf Resonanz stößt.

Dieser Geist hat aber auch noch eine andere Seite hat. Gerade in der Krise. Er belebt, mach kreativ, aber er schärft auch den Blick dafür, wo es nicht gerecht zugeht. An wen in der Krise gedacht wird und an wen nicht. Kinder zB.

Müsste man da nicht für Entlastung sorgen, auch dafür dass die Kinder sich wieder treffen können? Auf der anderen Seite gehöre ich auch schon zu denen, die finden, wir dürfen jetzt auch nicht zu viele Risiken eingehen. Und es bildet sich da ab, über Kitas und Kinder und Kindergärten wird halt nicht als erstes nachgedacht.

Vor Corona war das auch schon so, dass zB. das Wohl der Wirtschaft politisch wichtiger war als Kinder. Aber jetzt sieht man es genau, dass es so ist.

Die Situation jetzt ist halt eine Brennglassituation. sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft. Es wird sozusagen deutlicher, was sonst auch ist. Es ist nicht alles einfach neu. Aber es wird sichtbarer.

Es wird klarer, was bei uns gut war und was nicht, was wertvoll ist und was vielleicht auch wegkann. Diese Fragen stellen sich privat, in der Kirche, in unserer Gesellschaft und auch weltweit. Das zeigen Heike Springhart auch ihre Kontakte in alle Welt. Davon erzähle ich genauer in ein paar Minuten.

Geist macht offen, experimentierfreudig und solidarisch

Heike Springhart ist Pfarrerin in Pforzheim mit Kontakten in viele Länder. Sie lebt, was Pfingsten bedeutet: Kirche ist vor Ort und verbindet Menschen in der ganzen Welt im Geist Jesu. Dann kann man nicht anders, man guckt über den deutschen Tellerrand hinaus. Ein Freund aus Hongkong zB. hat sie schon im März gefragt, ob sie genug Atemmasken hat.

Der schrieb also ganz besorgt. Und ich habe das dann abgewiegelt und gesagt: ‚ne das brauchen wir hier nicht.‘ Der hat dann trotzdem ein Päckchen geschickt, was ich ein sehr berührendes Zeichen von Fürsorge fand. Wir hatten dann einen kurzen Austausch darüber, wo ich dann gesagt hab: ‚bei uns sagen sie sowieso, die Masken nützen nichts.‘ Wo er dann sehr ungerührt antwortete: ‚ist ja klar, ihr habt ja eh nicht genug‘

Und wie er sich um sie gesorgt hat, sorgt sie sich jetzt um die Menschen in Hongkong. Wo die chinesische Regierung Druck ausübt, Meinungsfreiheit und Demokratie beschneidet. Genauso geht ihr Blick in die USA.

Geschockt hat mich ein Telefonat mit meiner Freundin Sarah aus Chicago, die deutlich beschrieben hat. Es sterben vor allem die African Americans. Das hat für mich auch noch mal den Blick dafür geschärft wie auch soziale Spaltungen durch diese Situation verschärft werden.

Jesus war immer für die Schwächeren da. Eine Kirche, die von seinem Geist geprägt ist, schaut, wie geht es den Schwächeren. Und dann merkt man: ein Satz wie ‚vor Corona sind alle gleich‘, ist eine Lüge. Gottes Geist macht kritisch. Mehr noch freut sich Heike Springhart über das Positive, was er bewirkt.

Diese Explosion von Kreativität und Experimentierfreude. Und die hat für mich viel mit dem Geist zu tun. Der Glaube bedeutet für mich auch, damit zu rechnen, dass meine Lebensgeister immer wieder geweckt werden auch dann, wenn ich mal in meiner persönlichen Coronakrise bin. Das Entscheidende kommt auch nicht immer nur aus mir und meinem Planen, sondern es kommt auch von außen, auch vom Geist Gottes.

Was kann man lernen aus Corona? ZB. Braucht es je wieder so viele Sitzungen, zu der jeden Tag Tausende Leute durchs Land fahren: Politiker, Beamte, Geschäftsleute, Kirchenleute? Und eine Lehre ist ihr die Resonanz auf digitale kirchliche Angebote.

In der Gemeindesituation denken wir, wenn wir Gemeinde denken, an die Menschen, die sonntags kommen. Aber die Gemeinde ist größer und diese Situation jetzt, zwingt mich dazu, darüber hinauszudenken. Das muss auf jeden Fall bleiben.

In Zukunft könnten digitale und analoge Angebote der Kirche einander ergänzen. Dass vieles analog nicht möglich war, zeigt ihr aber auch wie wichtig es ist.

Es wird jetzt auch deutlich, welcher Schatz das ist, dass man in der Kirche zusammenkommen kann. Dass man zusammen singen kann, dass man sich umarmen kann. Dass man Abendmahl miteinander feiern kann. Für mich ist es keine Vision, das Digitale so stark zu machen, dass das Analoge am Ende hinten runterfällt.

Heike Springhart hofft, dass die pfingstliche Experimentierfreude weiterlebt. Dass Gottes Geist wirksam bleibt.

Ich will nicht vergessen diese Offenheit und Flexibilität und ich denke in diesen Tagen oft an diesen Satz, dass jeder Tag seine eigene Mühe oder Herausforderung hat und dass das reicht. Und aber eben auch, mich begeistern zu lassen und mich überraschen zu lassen. Davon was noch kommt.

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