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SWR4 Feiertagsgedanken

Ich begehe dieses Jahr den heutigen Maifeiertag anders als sonst. Letztes Jahr hatte ich morgens einen Zeltgottesdienst mit Blaskapelle. Dieses Jahr ist kein Gottesdienst – weder im Zelt noch in der Kirche.  Dennoch hat dieser Maifeiertag eine doppelte Botschaft für mich: zum Einen geht es um die Arbeit, zum andern um die Natur. 

Die katholische Kirche denkt heute an Josef, den Vater Jesu. Er ist der Patron der Arbeiter, war er doch selbst Handwerker. Wir leben heute weitgehend von der Großindustrie. Aber wie oft brauchen wir einen Handwerker für eine kleine Reparatur? Nicht umsonst sagt man: 'Handwerk hat goldenen Boden.“ Es scheint ein guter und sicherer Beruf zu sein. Aber viele klagen heute darüber und sagen: “Ich finde keinen Handwerker, der am Haus etwas repariert.“ Vielleicht haben wir die Dienste des Handwerkers zu wenig geschätzt. Wir sind zu sehr eine Wegwerfgesellschaft geworden: Wozu reparieren? Wirf es weg und kauf ein neues! Ich meine, das ist keine gute Entwicklung. Sie hat auch mitgeholfen, die Arbeit des Handwerkers gering zu schätzen – abgesehen davon, dass die Industrie oft besser bezahlt.

Das Recht auf Arbeit ist wichtig, denn Arbeit ist nicht selbstverständlich. Als ich Pfarrer im argentinischen Busch war, hat mich anfangs sehr erstaunt, wie viele dort nur Gelegenheitsarbeiter waren. Sie hatten keine feste Anstellung und waren immer wieder auf der Suche nach neuer Arbeit. Arbeitslosengeld gab es auch keines. Da habe ich unsere wirtschaftliche Situation hier im Land neu schätzen gelernt.

Beim Recht auf Arbeit denke ich auch daran, wie wichtig es ist, Arbeit zu teilen. Jeder Mensch hat das Recht, sich durch Arbeit zu verwirklichen. Wo dies nicht der Fall ist, müssen alle zusammenstehen. Sie müssen auch bereit sein, Arbeit abzugeben, so dass alle sich durch ihre Arbeit verwirklichen können. Jobsharing ist ja zum Glück ein wichtiges ethisches Prinzip geworden. Es wäre schön, wenn dies auch weltweit greifen würde.

Skandalös finde ich dagegen, dass manche Produkte bei uns deshalb so billig sind, weil sie von Kindern in anderen Ländern gemacht wurden. Wir unterstützen dadurch ein System, in dem Kinder um ihre Kindheit und Jugend gebracht werden.

Teil2

Ich spreche heute in den SWR 4-Feiertagsgedanken über die Bedeutung des Maifeiertages. Er richtet unseren Blick nicht nur auf die Arbeit, sondern auch auf die Natur. Viele müssen heute auf den gewohnten Maispaziergang in der Gruppe verzichten.  Ich hab in diesem Frühling täglich einen kleinen Spaziergang ins Grüne gemacht. Corona hat mir ja freie Zeit geschenkt. Dabei hab ich gespürt, welch vielfältige Kraft in der Natur steckt.

Sträucher und Bäume blühen natürlich immer im Frühling. Aber dieses Jahr hab ich das Erwachen der Natur bewusster wahrgenommen. Ich hab aber auch daran gedacht, was Papst Franziskus in seinem Rundschreiben „Laudato si“ angesprochen hat. Die Natur stöhnt unter den Folgen des Klimawandels und der Ausbeutung. Jetzt in der Coronazeit hab ich den Eindruck: Die Natur atmet auf. Sie erholt sich vom drohenden Kollaps und sammelt neue Kräfte. 

Freilich: Wenn die Coronazeit hoffentlich bald endet, geht dann alles wieder so weiter wie bisher oder werden wir doch achtsamer mit der Natur umgehen? Sie ist ja die Grundlage unseres Lebens, und wenn wir sie missbrauchen, leiden wir eines Tages selbst.

Viele haben in der letzten Zeit das Wort „Entschleunigung“ gebraucht. Es ist der Gegenpol zum Infarkt. Ich hoffe, dass der Impuls, die Natur mehr zu achten, nicht ungehört verhallt. Ich hoffe auch, dass unsere Art zu wirtschaften sich ändert.

Solange wir nur ans Habenwollen, ans Besitzen, ans Herausholen auf Teufel komm raus denken, werden wir bald wieder im alten Trott sein und die Natur ausbeuten. Ich nehme zum Einkaufen meine Stofftasche mit und kaufe möglichst Waren, die offen sind und nicht plastikverpackt. Das machen viele andere auch – Gott sei Dank!

Ich schwärme nicht von einem romantischen „Zurück zur Natur“. Aber ich plädiere deutlich für ein „Mit der Natur“. Ob wir damit Erfolg haben, hängt von uns allen ab; es hängt von unserer Wirtschaft ab, von unserer Politik. Der Egoismus zerstört am Ende uns selbst. Wenn wir untereinander weltweit solidarisch werden, auch mit der Natur, dann wird der Maifeiertag zu einem guten Impuls für uns.

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