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SWR1 Begegnungen

26APR2020
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Gerd Müller Copyright: photothek_net

Bundesentwicklungshilfeminister Gerd Müller über faire Beziehungen zwischen arm und reich

…und mit Gerd Müller, seit 2013 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Ich treffe ihn ausnahmsweise am Telefon – wegen Corona. Corona ist auch das Thema, das den CSU - Politiker aktuell umtreibt. Ganz besonders wenn er an die Menschen in den Flüchtlingslagern etwa im griechischen Moria denkt. Der Minister macht sofort klar, dass es nicht reicht 47 Kinder aufzunehmen – es geht um menschenwürdige Zustände und um das Leben von 20.000 Menschen:  

Es ist jetzt die letzte Möglichkeit dieses Flüchtlingslager mitten in Europa umzustrukturieren, es muss eine Gesamtlösung neu aufgesetzt werden. In der Welt gibt es viele Flüchtlingscamps, ich hab viele davon besucht, keines hat so dramatische Zustände wie Moria in Griechenland: Wartet nicht bis die ersten Särge herausgetragen werden!

Der Minister weiß, wie es in den Flüchtlingslagern dieser Welt aussieht. Noch im Februar war er im weltweit Größten, in Kutupalong/ Bangladesch. Dort leben 800.000 Flüchtlinge.

Es geht dort ein Fluss durch, in dem schwimmen die gesamten Fäkalien von Hunderttausenden von Leuten. Die Menschen können nur existieren durch Hilfen der internationalen UN-Organisationen, UNICEF vor allem, UNHCR. Es gibt dort keine Chance auf Abstand wahren. In einem Zelt, 3 Meter mal 3 Meter leben mindestens zwölf bis 15 Menschen. Um Wasser zu bekommen  stehen 300 mit dem Kübel an.

Dramatisch ist die Lage aber nicht nur für Menschen auf der Flucht. Auch für viele afrikanische Staaten: wegen der Maßnahmen gegen das Coronavirus droht die öffentliche Ordnung zusammenzubrechen. Deshalb fordert der Unions-Politiker nun einen konsequenten Schuldenerlass:

Es kann ja jetzt nicht sein, dass wir die Rückzahlung von Krediten verlangen, deshalb muss es jetzt für die Ärmsten zu einem Schuldenerlass kommen.   Eine Vielzahl dieser Staaten stehen unmittelbar vor dem Staatsbankrott. Die Folge davon wäre in diesen Ländern: Chaos, Bürgerkrieg, Flucht und Vertreibung. Daran können wir kein Interesse haben!

Sein christlicher Glaube ist der Motor für Gerd Müllers Engagement: In seinem Buch „Unfair! Für eine gerechte Globalisierung“ (Murmann-Verlag, 3.Auflage, Hamburg 2020) schreibt er: „Ein Kind im Sudan hat dasselbe Recht auf ein Leben in Würde wie ein Kind in Berlin.“ Beide sind Ebenbild Gottes! Das treibt ihn an:

Mich fragen manchmal Leute wie kannst du das bewältigen, diese ganzen Sorgen, Probleme und ich sage immer: Wer gibt, dem wird gegeben. Wer hilft, der erfährt Sinn im Leben. Gib von dir, was dir Gott gegeben hat und du wirst unendlich beschenkt werden!

Ich telefoniere mit Gerd Müller. Eigentlich wollten wir uns in Berlin im Bundesentwicklungshilfe-ministerium treffen – weil heute vor sieben Jahren in Rana Plaza/Bangladescheine Textilfabrik 1135 Menschen unter sich begrub. Dort wurden auch Kleider für den deutschen Markt genäht. Minister Müller setzt sich deshalb für ein so genanntes Lieferkettengesetz ein. Damit ist gemeint, dass zum Beispiel eine Jeans von der Baumwollernte über die Näherin in Bangladesch bis zum Modehaus bei uns gemäß ökologischen und sozialen Standards hergestellt wird.

Wir brauchen eine weltweite neue Verantwortungsethik und müssen verstehen, dass nicht die einen in den reichen Ländern zu Lasten der anderen in den armen Ländern ihre Produkte fertigen können.

Teil dieses Lieferkettengesetzes ist auch der Kampf gegen illegale Kinderarbeit. Weltweit arbeiten 75 Millionen Kinder täglich. Für Minister Müller ist das: Sklaverei!

In Kaffeeplantagen arbeiten Kinder, viele Millionen! Aber das geht ja bis zum Grabstein, bis zum Steinbruch in Indien, wo der Granit geschlagen wird. Und deshalb brauchen wir eine Zertifizierung in den Lieferketten, dass ausgeschlossen wird, dass Kinderarbeit drin steckt.

Der CSU-Politiker fordert fairen Handel - jede und jeder kann durch den eigenen Konsum dazu beitragen. Müller ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und erlebt die kirchlichen Hilfswerke in dieser Frage als wichtige Partner:

Das ist für mich immer ein Leuchtzeichen wie evangelische und katholische Christen draußen in der Welt auch mit unglaublich vielen jungen Menschen tätig sind. Und die Kirchen sind in Regionen, wo es keinen Staat mehr gibt. Sie sind in Ecken, wo es dunkel ist, wo sonst nichts an Hoffnung und Zuversicht ist.

Hoffnung und Zuversicht gibt der christliche Glaube auch Minister Müller ganz persönlich. Und er gibt ihm Orientierung. Besonders die 10 Gebote hält er für eine globale Grundlage, um besser miteinander zu leben. So hat er etwa für das erste Gebot „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“, eine für mich beeindruckende Lesart:

Das definiere ich so, dass wir in Demut unser Tun auf dem Planeten sehen. Und es gibt einen über uns, der für uns diesen Planeten geschaffen hat und deshalb geht es um den Erhalt der Schöpfung  in der Verantwortung vor Gott und kommenden Generationen.

Und auch ein weiteres Gebot ist ihm wichtig, das siebte:

Du sollst nicht stehlen, was ich  mit den Lieferketten beschrieben habe – das heißt wir stehlen den Kindern die Zukunft, indem wir sie als Sklaven schuften lassen für unsere Produkte und wir stehlen aber auch der Natur die Grundlagen, indem wir Natur und Mensch ausbeuten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30810