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SWR2 Wort zum Tag

31JAN2020
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Schuhe, T-Shirts, Handys – mittlerweile spricht sich herum, dass die Masse der Gebrauchsartikel keine Lebensfreude garantiert. Stattdessen: Weniger haben, glücklicher leben! Mehr ist manchmal weniger und weniger mehr. Das wusste allerdings die Tante Jolesch schon vor über 100 Jahren.

Die Tante Jolesch – sie lebte tatsächlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf einem Gut in Mähren, schreibt der österreichische Autor Friedrich Torberg. Tante Jolesch hatte jede Menge Verwandte und alle kamen gerne zu ihr zu Besuch. Auch darum, weil Tante Jolesch eine begnadete Köchin war. Ihr allerbestes Rezept: „Krautfleckerln“, eine Mehlspeise, aus kleingeschnittenen Teigbändern und kleingehacktem Kraut.

Wenn die Tante für den nächsten Sonntag Krautlfeckerln plante, dann sprach sich das in der ganzen Verwandtschaft herum. Und wo immer sie auch wohnten, sie kamen aus allen Himmelsrichtungen an diesem Sonntag zur Tante. Niemand hatte an diesem Tag etwas gegessen, einfach um sich den ganzen Hunger aufzusparen. Dann aber mittags, wenn man bei Tante Jolesch einkehrte, wurde serviert. Und es war ein Hochgenuss, jedes Mal aufs neue.

Jahrelang versuchte man der Tante Jolesch mit allen möglichen Listen und Tricks das Rezept ihrer unvergleichlichen Schöpfung herauszulocken. Umsonst. Sie gab es nicht her.

Irgendwann war die Tante so alt, dass sie auf dem Sterbebett lag. Die Familie hatte sich um ihr Sterbelager versammelt. Tante Jolesch lag reglos in den Kissen. Noch atmete sie. Da fasste sich ihre Lieblingsnichte ein Herz und fragte:

„Tante – ins Grab kannst du das Rezept ja doch nicht mitnehmen. Willst du es uns nicht hinterlassen? Willst du uns nicht endlich sagen, wieso deine Krautfleckerln immer so gut waren?“ Die Tante Jolesch richtete sich mit letzter Kraft ein wenig auf und antwortete: „ Sie waren so gut, weil ich nie genug gemacht hab…“ Sprach`s, lächelte und verschied.

Jeder Hobbykoch weiß: dazu gehört Mut! Aber ausprobieren kann man dies Rezept ja einmal. Nicht nur beim Kochen.

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