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SWR3 Gedanken

1938. Die kleine Erika ist sechs Jahre alt. Gänzlich unbeeindruckt von den Aufmärschen im fernen Berlin lebt sie ihre Kindheit in der Provinz. Ein wichtiger Mensch in dieser Kindheit ist Lisbeth.

Die gleichaltrige Tochter der jüdischen Familie Oppenheimer wohnt schräg gegenüber. Wenn Erika aus ihrem Fenster im ersten Stock über die Straße schaut, sieht sie genau in Lisbeths Zimmer. Und wenn es Katzen und Hunde regnet, sitzen beide an ihren jeweiligen Fenstern und verständigen sich mit einer Zeichensprache, die nur sie beide verstehen. Beste Freundinnen eben.

Natürlich gehen die Hitler-Jahre auch an den beiden Kindern nicht spurlos vorüber. Sie spüren, dass sich etwas verändert, dass die Erwachsenen sich verändern. Aber solange der Holzkreisel munter über das Pflaster springt, hängen keine schweren Wolken über der kleinen Kinderwelt. Noch nicht.

Denn eines frühen Morgens wacht Erika auf von den lauten Geräuschen der Straße. Sie rennt zum Fenster und sieht hinaus. Männer in Uniform sieht sie. Sie sieht einen Karren, auf dem bereits Menschen sitzen. Und just in diesem Moment sieht sie Lisbeth mit ihrer Puppe auf dem Arm, an der Hand ihrer Mutter, die einen Koffer trägt. Die beiden steigen auf den Wagen, ein letzter Befehl. Der Wagen setzt sich in Bewegung.

Erika will es wissen. Von einer Reise war keine Rede. Und von Männern in Uniform erst recht nicht. Mama, was soll das? Mach dir keine Gedanken, sagt Mama. Die Oppenheimers ziehen um. Weit entfernt gibt es Dörfer und Städte für Menschen wie die Oppenheimers. Und wenn sie sich eingelebt haben, darfst du Lisbeth bestimmt besuchen. Aber dazu wird es nie kommen. Denn Lisbeth stirbt 1943 in Auschwitz.

Heute ist Holocaust-Gedenktag. Weil heute vor 63 Jahren das Lager Auschwitz von russischen Truppen befreit wurde. Zwei Jahre zu spät für Lisbeth. Zu spät für über eine Million Menschen, die in Auschwitz ermordet wurden.

Heute ist Holocaust-Gedenktag. Gedenktag für zerstörtes Leben. Gedenktag für Lisbeth. Denn sie soll nicht vergessen sein. Niemand soll vergessen sein.
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