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SWR2 Wort zum Tag

Vor mir liegt das Bild eines Mannes, der fröhlich und zuversichtlich in die Kamera lächelt. Das daneben zeigt ihn inmitten seiner Familie, seine Frau hält das Jüngste auf dem Arm, daneben schauen drei kleine blondbezopfte Mädchen neugierig in die Kamera. Der Mann heißt Hermann Umfrid. Er wurde nur 41 Jahre alt.

Seine Geschichte hat mit dem zu tun, was heute vor 75 Jahren geschah: Am 30. Januar 1933 hatte sich Hitler zum Reichskanzler ernennen lassen – die Nationalsozialisten konnten die Macht in Deutschland übernehmen. Drei Monate später schon gab es in württembergischen Dörfern an der Grenze zu Bayern die ersten Pogrome gegen Juden. Zuerst geschah es in Öhringen und eine Woche später dann in Niederstetten: SA-Leute, angereist aus dem nahen Heilbronn, misshandelten und schleppten die jüdischen Männer des Dorfes von der Synagoge weg ins Konzentrationslager.

Als die Christen in Niederstetten am Sonntagmorgen in die Kirche kamen, wurden sie von ihrem Pfarrer mit einer Sonntagspredigt erwartet, in der er zu dieser Gewalttat und diesem Unrecht Stellung bezog. Der Pfarrer hieß Hermann Umfrid. Er war der Sohn des damals bekannten Pazifisten und Friedenskämpfers Otto Umfrid und seiner Frau Julie. Hermann Umfrid war von der Gemeindeschwester, die zu den Verletzten gerufen worden war, schon am Samstagabend über alles informiert worden. Sie warnte ihn: „dass er betreffs der Judensache nichts verkündigen soll, denn er stehe schon auf der schwarzen Liste und er grabe durch die Verkündigung nur sein eigenes Grab.“ Aber Umfrid ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Er war tief geprägt von seinem Elternhaus und was er dort nicht nur gehört, sondern auch erlebt hatte: Er war aufgewachsen mit der stetigen Ermunterung, gerecht zu sein, friedliebend, für die Schwachen einzutreten.

Umfrid fand in seiner Predigt an diesem Sonntagmorgen mutige Worte: „Was gestern in dieser Stadt geschah, das war nicht recht.“ Umfrid wurde vorgeworfen, er habe die Kanzel zu politischen Zwecken missbraucht. Obwohl sich der Kirchengemeinderat fast einstimmig hinter ihn stellte, bekam er von der Kirchenleitung nicht die erhoffte Unterstützung sondern eine Rüge, er solle sich nicht in politische Fragen einmischen.

Aber Umfrid schwieg nicht, er predigte weiter, schrieb Briefe und Eingaben an die Kirchenleitung. Er predigte: „Nur jetzt nicht verzweifeln, nicht verzagen. Nicht davonlaufen. Standhalten jetzt; mit dem Unheimlichen ringen …“

Doch ein Jahr später war Hermann Umfrid am Ende seiner Kraft. Er nahm sich das Leben. Sein Grab ist, zusammen mit dem seines Vaters Otto Umfrid, auf dem Stuttgarter Pragfriedhof. Sein Vermächtnis bleibt: Man muss benennen, was nicht recht ist.

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