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SWR3 Gedanken

Rohe Gewalt gegen andere ist in jeder Form inakzeptabel. Die Ausraster jugendlicher Schläger machen ratlos und wütend, doch die Art der Debatte darüber leider nicht minder. Auf eine gewisse Weise erscheint sie sogar doppelbödig. Ist das, was wir den kriminellen Jugendlichen zu Recht vorwerfen, die nicht vorhandene Scham über das Getane, das ständige Abwälzen der Verantwortung auf Andere, nicht Abbild eines allzu bekannten Musters? Ich jedenfalls kenne es aus meiner beruflichen Praxis ebenso, wie aus dem persönlichen Bekanntenkreis und weiß Gott nicht nur bei Jugendlichen. Was ist mit dem Hang, die eigene Verantwortung immer wieder durch die widrigen Umstände oder die blöden Anderen zu entschuldigen, die alles nur falsch verstehen. Wie ist das bei so genannten Kavaliersdelikten, wie den paar Bierchen im Straßenverkehr oder der kleinen Steuerhinterziehung, wo auch vielen von uns Erwachsenen so etwas wie Schuldgefühl glatt abgeht? Natürlich ist all das nicht vergleichbar mit versuchtem Totschlag. Doch darum geht es auch nicht, sondern um die grundsätzliche Verantwortung für das eigene Handeln.
Es gibt da eine Instanz, die jeden von uns unfehlbar moralisch beurteilt: Unser eigenes Gewissen. Doch dessen Entwicklung ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Bei den Prügelkids von München, Frankfurt oder Berlin steht sie wohl noch ganz am Anfang. Und bei uns, der angeblich schweigenden Mehrheit, für die mancher Wahlkämpfer zu reden meint? Mit dem Gewissen ist es wie mit einem Instrument, auf dem ich täglich üben muss, um wirklich gut und sicher zu werden. Wer nicht ständig Klavier übt, der kommt halt über dürftige Fingerübungen nie hinaus. Beim Gewissen heißt das: Die ständige kritische Auseinandersetzung mit den moralischen Aspekten unseres Tuns und Lassens.

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