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SWR2 Wort zum Tag

20NOV2019
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„Einer wird den anderen einladen unter den Weinstock und unter den Feigenbaum. Und die Menschen werden dort zusammensitzen. In Sicherheit.“ (Sacharja 3,10 und 8,12) Dieses einfache, schöne Bild wird im Alten Testament oft gemalt. Und dann heißt es: „So ist es, wenn Friede ist.“

Menschen laden einander ein, trinken Wein, essen lecker. Können miteinander singen und feiern. Ohne Angst, ohne Polizeischutz. Das ist der Inbegriff von Frieden im Alten Testament, der Bibel der Juden und von uns Christen.

Darum ist so traurig und bitter, dass jüdische Menschen 2019 bei uns erleben. So einen Frieden gibt es nicht – nicht für sie. Ich finde, das ist ein Grund für uns nichtjüdische Deutsche, den heutigen Buss- und Bettag ernst zu nehmen. Vielmehr „Buße“ ernst zu nehmen. Nicht nur heute.

Buße ist ja nicht nur etwas Religiöses, sondern meint nachjustieren, in mich gehen. Korrigieren, wo ich bequem und nachlässig geworden bin: ich könnte klarer und sichtbarer solidarisch auftreten mit jüdischen Menschen. Öffentlich.

Oder Christen und Kirchen insgesamt: Was könnte da Buße heißen?
Energisch dazu beitragen, dass unsere jüdischen Nachbarn sicher und unbeschwert leben können, also auch zum Beispiel ihre Kippa tragen in der Öffentlichkeit, ohne angepöbelt zu werden?

Und unser Staat. Er garantiert Religionsfreiheit und den Schutz seiner Bürger*innen: Ich denke, auch da täte „Buße“ gut: energischeres Eingreifen, damit jüdische Mitbürger*innen Aussicht haben, dass sie friedlich leben können. Restaurants führen und Gottesdienst feiern. Zur Zeit braucht es dafür aktiven Polizeischutz, aber vielleicht geht es eines Tages sogar einmal ohne.

Ich glaube, damit das gelingt, müssen wir beherzigen, was Theodor Adorno geschrieben hat. Vor über 50 Jahren schon.
Man darf nicht denken, Antisemitismus sei naturgegeben.

„In dieser Art des Denkens“, hat Adorno gesagt „die solche Dinge ansieht wie Naturkatastrophen…da steckt bereits Resignation drin...Es steckt darin ein schlecht zuschauerhaftes Verhältnis zur Wirklichkeit. Wie diese Dinge weitergehen und die Verantwortung dafür … das ist in letzter Instanz an uns.“
So Adorno 1967 (ThW. Adorno Aspekte des neuen Rechtsradikalismus).

Buße tun heißt umdenken: wollen, dass Antisemitismus verschwindet und aktiv werden: ich bleibe nicht Zuschauer. Nicht mehr denken, ich bin kein Jude, mich wird es nicht treffen.

Im Alten Testament wird versprochen: wenn einer den anderen einlädt, wird Friede. Übertragen heißt das: dass wir jüdische Mitbürger beachten und uns selbst fragen: Was tue ich, dass sie sicher und in Frieden leben?

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