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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

23OKT2019
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Was ist am Ende stärker: Der Tod oder die Liebe?

Zu allen Zeiten hat diese Frage die Menschen beschäftigt. Die alten Griechen beantworteten sie mit einem Mythos, der Erzählung von Orpheus und Eurydike. 

Orpheus ist ein begnadeter Sänger. Seine Lieder verzaubern Mensch und Natur. Wo er mit seiner Lyra auftritt, sorgt er für Frieden und Harmonie. Wilde Tiere lauschen friedlich seiner Musik. Die Bäume neigen ihre Kronen, um den Gesang des Orpheus zu hören. 

Eines Tages verliebt sich der Sänger Hals über Kopf in die wunderschöne Eurydike. Sie heiraten. Das Glück scheint vollkommen. Doch da stirbt Eurydike plötzlich durch einen Schlangenbiss. Orpheus ist untröstlich. In seiner Trauer wagt er das Ungeheuerliche. Er steigt in den Hades hinab, ins Reich der Toten. Und das Unglaubliche geschieht: Orpheus erweicht mit seinem Gesang die Götter der Unterwelt. Sie geben Eurydike frei. Orpheus kann sie zurückbringen ins Land der Lebenden, aber unter einer Bedingung. Auf dem Weg ins Licht darf sich Orpheus nicht zu seiner geliebten Frau umdrehen. Fast sind beide am Ziel, da blickt der Sänger zurück, unsicher, ob Eurydike ihm wirklich folgt. Damit ist das Schicksal besiegelt. Eurydike entschwindet für immer ins Schattenreich.

Der Tod ist doch stärker als die Liebe. So die Botschaft des Mythos. 

Die frühen Christen kannten die Geschichte von Orpheus und Eurydike. Aber sie gaben eine andere Antwort: Die Liebe ist stärker als der Tod.

Sie verglichen Orpheus mit Christus. Ja, sie hatten keine Scheu, Christus in der Gestalt des Orpheus darzustellen. Mit einer Lyra in der Hand singt er das Lied der Unsterblichkeit. Solche Bilder findet man noch heute in den römischen Katakomben und auf antiken christlichen Sarkophagen. An den Orten des Todes bezeugten die Gläubigen so ihre Hoffnung, dass mit der Auferstehung Jesu die Liebe am Ende den Tod besiegt. 

Auch Christus ist ja „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Seine Eurydike sind die in Sünde und Schuld verstrickten Menschen, die er zurück ins Licht führt. Anders aber als Orpheus hat Christus, der „Spielmann Gottes“, seine Mission erfüllt. 

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