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SWR4 Abendgedanken

23OKT2019
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Ich werde älter. Und meine Tochter fragt mich aus. Sie will wissen, wie das früher war. Besonders, wenn wir Fotos anschauen: Warum hatten die Leute so komische Frisuren? Wie ging das eigentlich ohne Handy? Warum gab es „zwei Deutschlands“? Und warum war es „da drüben“ so anders?

Ich versuche zu antworten, so gut ich kann. Und manchmal muss ich über mich selbst grinsen. Ich komme mir vor, wie mein eigener Großvater, den ich früher mit Fragen gelöchert habe: Über den Krieg, über seine Jugend, warum er so früh arbeiten musste, und wie das eigentlich ging, so ohne Telefon.

Ja, ich werde älter. Meine Tochter fragt mich über damals aus. Erlebnisse in meinem Leben sind schon Geschichte. Da ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich nun einfach nicht mehr jung bin. Vieles im Leben ist schon vorbei: Jung sein, ohne große Verantwortung, alle Türen stehen offen. Das wird nie wieder so sein.

Diese Einsicht ist ein bisschen wie Abschiednehmen. Und trotzdem tut sie auch gut: Ich bin nicht mehr jung. Ich kann etwas weitergeben, kann die Welt erklären, so wie ich sie verstehe. Und ich muss auch nicht mehr alles mitmachen: Ob ich ein Kilo mehr oder weniger auf den Hüften habe, ist das wirklich so wichtig? Ob der neue Pulli oder das neue Handy wirklich die modernsten und coolsten sind – ist mir doch egal. Ich muss nicht mehr etwas werden, ich bin schon etwas, bin schon jemand. Wie viel entspannter lebt es sich da.

„Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; (…) Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; (…) Suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit“ (Prediger 3,1-6, gekürzt). So steht es in der Bibel, im Buch Prediger. Und vielleicht komme ich dem, was diese Sätze bedeuten, nun zum ersten Mal ein wenig auf die Spur.

Und wissen Sie, wie der Bibeltext weiter geht? – Ich verrate es Ihnen. Es heißt dort: Es gibt „nichts Besseres dabei (…) als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes“ (Prediger 3,12-13).

Klingt doch gut, oder? Und darum: Egal wie alt Sie sind, einen fröhlichen Abend wünsche ich Ihnen. Tun sie Sich gütlich!

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