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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

21SEP2019
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"Der Wein erfreut des Menschen Herz", weiß schon die Bibel über den Rebensaft. Und bereits die Trauben – lecker. Ich kann´s jedenfalls kaum erwarten. Sie sind auch schon recht rot. Aber noch püh… sauer. Jeden Tag probiere ich eine Traube vom Stock an unserer Terrasse. „Ein jeder wird bei seinem Weinstock sitzen“, so beschreibt der Prophet Micha, wie sich Frieden anfühlt. (Micha 4,4) Das kann ich gut verstehen, als Pfälzerin. Auch wenn mein Weinstock noch zu klein ist, um darunter zu sitzen und die wenigen Beerchen nicht sonnenverwöhnt. Das Lesen und Keltern in den Wingert um mich herum ist gerade im Gange.

 „Grad geht´s widder rund“, sagt meine Freundin Gitte, sie muss es wissen als Winzertochter. Nein, sie und ihre Familie können sich längst nicht friedlich zurücklehnen. In einem Liter Wein, manche Flasche für lächerliche 2,50 € im Supermarkt zu kaufen, steckt eine Menge Arbeit. Und mehr als das. „Woi is e Lewens-Uffgaab“, eine Lebensaufgabe, sagt Gitte. Sie weiß von ihrem Vater: Guten Wein machen, das dauert ein Leben lang. Es braucht eine Menge Können und Wissen, sprich jahrelange Erfahrung.

Und das ganze Jahr über will der Weinberg behandelt sein. Trotz aller vollautomatischen Hilfen mit Lesemaschinen gibt es alle Hände voll zu tun. Die Reben werden allein über 30 mal „geheftet“, das Laub x mal geschnitten. Und dann der Herbst. Bei zu viel Regen oder Frost kann alles umsonst sein. Bei zu wenig Regen, in diesen trockenen Jahren hilft auch nur Beten. Winzer brauchen eine große Portion Geduld – die besten Weine wachsen teils an hundert Jahre alten sogenannten „biblischen“ Weinstöcken. Geduld ist gefragt und Gottvertrauen. Denn ohne Segen von oben geht nichts, damit ein guter Tropfen gekeltert wird.

Bis dahin - von der Lese bis zur Flasche - ist´ s noch mehr Arbeit. Aber zwischendurch wird im Wingert Lesefest gefeiert. Ich habe es schon erlebt mit Gitte. „E Stückel Brot, en Schluck Saft oder Woi, was gebts Schänneres?“ Es gibt kaum Schöneres. Brot und Wein – das teilt Jesus mit seinen Jüngern. Brot und Wein sind sozusagen ein Vorgeschmack auf das Paradies. Und wie eben der Prophet Micha weiß, es gibt nichts Friedlicheres als „beim Weinstock sitzen“ – oder zumindest beim Woifescht.

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