Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

18SEP2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Dieser Tage an der Bushaltestelle. „So ein Mistwetter, meine Migräne“, klagt die ältere Dame unterm Regenhäubchen und lässt sich neben mich auf die Bank plumpsen. „Und nichts hilft!“ „Was haben Sie schon probiert?“, frage ich gleich. Mit Kopfschmerzen kenne ich mich aus. Und schon haben wir ein Thema. Krankengeschichten. „Dieses Klopfen im Kopf“, jammert meine Banknachbarin weiter. „Oh, das kenne ich gut“, brumme ich. „Ach, ja“, sie wendet sich mir zu, „das ist gut zu wissen, dass man nicht allein ist“. Vielleicht ist das der Grund, warum wir manchmal gern öffentlich jammern, denke ich. Es verbindet. Krankheiten, Schmerzen und Zipperlein kennt jede und jeder. Sie sind wahrlich nicht gleich verteilt, aber wer darüber reden kann, fühlt sich gleich besser.

„Das Wichtigste ist Gesundheit“, mit einem wissenden Nicken wendet sie sich ab. „Klar, Gesundsein ist wichtig“, sage ich so dahin. Und denke, wieso eigentlich. Und warum erzählen wir dann eher Kranken- als Gesundheitsgeschichten? Anders in der Bibel. Da gibt´s einige, Heilungsgeschichten genauer gesagt. „Heile mich, Jesus, und ich bin heil.“ So bitten Menschen den Gottessohn, wollen geheilt werden an Körper und Seele. Und das ist wohl mehr als gesund und fit sein. „Heile, heile Segen“ hat meine Mama früher gesagt und mit dreimal Pusten war´s gleich besser. Meine Gedanken schweifen ab.

Der Bus kommt. „Also gegen die Schmerzen hilft vielleicht…“, ich breche den Satz ab, denn die Häubchendame ist weg. Stattdessen eine junge Frau neben mir, ich habe sie nicht kommen sehen. „Wenn es schlimm ist, hilft nur Ruhe. Ich war sechs Monate in der Klinik. Schlimme Schmerzen. Aber der Arzt und meine Familie waren ein Segen“, sagt sie und strahlt übermütig. „Mir geht’s bestens.“ „Wie schön“, antworte ich und denke, es gibt sie ja doch, die Geschichten vom Gesundwerden. Dann bewegt sich die junge Frau und ich zucke zusammen. Sie hat nicht auf der Bank gesessen, sondern im Rollstuhl. „Na dann“, sage ich halblaut, als sie in den Bus rollt. Kein gesunder, aber offenbar ein heiler Mensch. Ihr Strahlen geht mir jedenfalls nicht aus dem Sinn.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29410