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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

17SEP2019
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„Gott, Du machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen.“ So lautet ein Vers aus dem Psalm 65. Da singt jemand ein Lied auf das schöne, gelungene Leben. Ein Gottesgeschenk in Ost und West, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Eine Ost-West-Hymne sozusagen. Nu ja, was ich dieser Tage höre, klingt ein wenig anders. Eher nach Trauermarsch. Zumindest hierzulande.

"Was da lebet im Osten und Westen" scheint oft wenig fröhlich zu sein. Von abgehängten ländlichen Regionen ist die Rede, in West und erst recht in Ost. Verblühte Landschaften und nur wenige blühende Städte. Die neuen Bundesländer sind längst mittelalt. Doch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung fehlt noch immer das Gefühl, ganz eins zu sein. Der Osten hat sich vom ersten Takt an in manchem überstimmt gefühlt. Und der Westen den Ton angegeben.

Auch bei der Nationalhymne. Gleich nach der Vereinigung schmettern wir tapfer gemeinsam: „Einigkeit und Recht und Freiheit.“ Die Hymne Ost dagegen wurde sang- und klanglos abgelöst. „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt.“ Geschrieben hat sie Johannes R. Becher. Ursprünglich wurde sie nach einer Melodie von Hans Eisler gesungen, dem bekannten Bert-Brecht-Komponisten. Aber Becher hat die Ost-Hymne damals ebenso passend für diese Melodie getextet: „Auferstanden aus Ruinen...“ (gesungen auf „Einigkeit und Recht“) Genau, klingt nach der Hymne West. Als hätte Becher die Einheit vorausgeahnt.

In den 80ern wurde der Text seiner Hymne in der DDR verboten, nur die Melodie durfte gespielt werden. Von „Deutschland, einig Vaterland" – auch im Liedtext von Becher erwähnt – wollte das SED Regime nichts hören. Bis zur Einheit. Schade, dass vor 30 Jahren nicht auch die Hymnen vereinigt wurden. Es gab dazu durchaus gute Vorschläge.

Und: Vielleicht wäre es noch immer ratsam. Nicht nur Debatten über den Soli zu führen sondern mehr Solidarität zu suchen. Sich zu freuen an dem, was uns eint, zu betonen, was wir alles haben in diesem schönen, reichen Land. Vielleicht steht am Ende gar eine Ost-West Hymne wie im Loblied der Bibel: „Gott, Du machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen.“

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