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SWR2 Wort zum Tag

17SEP2019
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In der Comic-Serie „Peanuts“ gibt es eine Folge, in der „Charlie Brown“ mit seinem Hund Snoopy über das Sterben und den Tod spricht. Auf Charlies melancholisch angehauchteAussage „Eines Tages sterben wir“ antwortet sein Hund unbeschwert: „Stimmt, aber an allen andern nicht“.

Ziemlich sicher ist heute einer dieser Tage, an denen ich nicht sterbe. Zumindest gehe ich davon aus, wenn ich in den Tag starte. Trotzdem frage ich mich: Ändert das heute etwas, wenn ich weiß, dass ich eines Tages sterben werde?

Ich kann natürlich sagen, dass ich dann das Maximale an Lebensgenuss rausholen muss aus dem heutigen Tag. Und für viele besteht dieser Genuss darin, möglichst viel Freizeit zu haben. Ich nehme mir da auch meist vor, mich zu erholen und raus kommt dabei, dass ich stattdessen möglichst viel Unterhaltsames konsumiere. Selbst das ist also nicht so einfach. Und solange ich im Beruf bin, ist diese Freizeit auch begrenzt. Ich bin nicht rundum frei, das zu tun, worauf ich gerade Lust habe.

Aber ein Leben, in dem ich nur nach Lust und Laune leben könnte, das wär‘s für mich gar nicht. Ich wäre vermutlich schnell einsam und gelangweilt, weil ich meine Kollegen bei der Arbeit und das Lernen mit den Schülern als etwas Wertvolles ansehe.

Ich glaube, mir ist was anderes wichtig. Nämlich, dass ich nicht zwischen Freizeit und Beruf trenne, sondern dass ich den verschiedenenMomenten des Tages einen Wert gebe. Zum Beispiel wenn ich Kollegen und Schülern begegne und merke, dass wir uns auf einer menschlichen Ebene verstehen. Oder wenn ich heute Abend sagen kann, dass meine Schüler im Unterricht ein Aha-Erlebnis gehabt haben.

Aber ich glaube, dass ich diesen Wert des Lebens in noch viel banaleren Momenten finden kann: in den routinemäßigen Abläufen, die sich jeden Tag wiederholen. Für mich hat es zum Beispiel einen besonderen Reiz, wenn ich am Beginn einer Unterrichtsstunde im Klassenzimmer stehe und den Schülern einen guten Morgen wünsche. So banal das klingt, wenn ich weiß, dass ich eines Tages sterben werde und es das eines Tages nicht mehr gibt, dass ich jeden Tag meine Schüler begrüße, dann macht es das für heute wertvoll.

Deshalb will ich heute auf diese scheinbarbanalen Routinemomente achten. Ich würde normalerweisewohl nicht darauf achten, ebenweil sie sich täglich wiederholen und immer ähnlich ablaufen. Aber gerade weil es sie eines Tages nicht mehr geben wird, will ich sie heute auskosten und ihnen den Wert geben, den sie haben.

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