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SWR2 Wort zum Tag

16SEP2019
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Wie gerne würde ich beweisen, dass es Gott wirklich gibt. Einen Gott, der den ganzen Kosmos geschaffen hat und zu dem ich nach dem Tod heimgehe. Allein schon die Tatsache, dass ich mir Gott als Anfang der Welt und als Ziel des Lebens vorstelle, zeigt: Das, was ich mir da so vorstelle und wünsche, übersteigt die Grenzen meines Horizonts. Kein Mensch kann zum Ursprung des Kosmos zurück und ich kann auch nicht über die Grenze des Todes hinausschauen. Es übersteigt den Horizont von dem, was ich sicher wissen kann. Und trotzdem ist es menschlich, dass ich diese Grenze überschreite, mit meinen Vorstellungen und Wünschen, dass ich an einen Gott glaube.

Allerdings gilt das nicht nur für den Glauben. Sondern für alles, was die Menschheit sicher zu wissen meint. Vor kurzem habe ich mit einem Physiker darüber gesprochen. Er sagt, dass die Wissenschaft Modelle für die Wirklichkeit entwickelt, die solange gelten, wie sie sich bewähren oder bis sie widerlegt werden. Was wir Menschen wissen, bleibt immer ein Modell der Wirklichkeit; es ist nicht die Wirklichkeit selbst. Albert Einstein habe ja zum Beispiel auch Newtons Modell von der Anziehungskraft der Planeten kritisiert und weiterentwickelt. Das macht ja den Reiz der Wissenschaft aus, dass Forscher das Wissen ständig weiterentwickeln und trotzdem noch Fragen offenbleiben. Wir nehmen den Stand der Wissenschaft als Realität an. Solange, bis die Forscher ihn wieder weiter entwickeln und verfeinern.

So ist es für mich auch mit dem Glauben an Gott. Der Glaube ist nichts, was ich mit absoluter Sicherheit habe, wo ich an den Punkt komme, dass ich es voll und ganz verstehe. Wenn ich glaube, halte ich mich an das, was ich vorläufig von Gott wissen kann und was sich im Leben bewährt. Zum Beispiel, wenn ich in Trauer um einen Menschen bin oder wenn ich mit einem Schicksalsschlag fertig werden muß. Allein die Vorstellung, dass das bei Gott einen Sinn hat, gibt mir die Kraft, solche Krisen besser zu überstehen.

Wie in der Naturwissenschaft baue ich also auf das, was sich bewährt. Und diese Bewährungsprobe fängt heute an, wenn ich zur Arbeit gehe und darauf vertraue, dass das, was ich da leiste und schaffe, sinnvoll ist. Ich baue heute also darauf, dass es Sinn macht, wenn ich Gutes tue oder geduldig bin mit den Schwächen anderer. Weil ich darauf vertraue, dass das auch den Sinn der Welt schon in ihrem Ursprung ausmacht.

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