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SWR1 Begegnungen

08SEP2019
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…und mit Sebastian Urbanski. Der 41-Jährige ist Schauspieler am RambaZamba Theater in Berlin und er hat das Down-Syndrom. Das bedeutet: Das 21.Chromosom liegt bei ihm nicht zweifach, sondern dreifach vor. Ich lerne einen beeindruckenden Menschen kennen, der schon in Kino- und Fernsehproduktionen gearbeitet hat. Aktuell steht er in Berlin auf der Bühne. Im Theater liebt er besonders die Musik – egal ob Johann Sebastian Bach oder Queen: Sebastian Urbanski

Musik bedeutet mir einfach das ganze Leben. Sie durchfließt mich sozusagen, so dass ich eben eins bin mit der Musik. Ich tanze auch sehr gerne. 

Sebastian Urbanski ist der erste Mensch mit Downsyndrom, der in den Vorstand der Lebenshilfe Deutschland berufen wurde. Findet er eigentlich, dass er behindert ist?

Also ich weiß ich bin einer mit Behinderung, sage aber andererseits auch, dass ich normal bin und dass das dazugehört. Dass das Behinderte normal ist und das Normale behindert auch sein kann – also beides in einer Person, das ist richtig schön.  Ich genieße mein Leben. Und das sollten die anderen auch – und die das so ablehnen würde ich auch sagen: Nehmt sie auf! Lernt sie kennen!  

Sebastian Urbanski wuchs in der DDR auf – seinen Eltern wurde geraten, ihn ins Heim zu geben. Eine Förderung sei vergeblich. Doch seine Familie unterstützt ihn und merkt: Da geht ganz viel! Sebastian Urbanski ist dankbar: Dass er lebt und dass es den Bluttest zur vorgeburtlichen Diagnostik damals noch nicht gab. Aktuell wird darüber beraten, ob dieser Test eine Leistung der Krankenkassen werden soll. Sebastian Urbanski ist dagegen. Wenn sich aber Eltern für den Test entscheiden, dann ist ihm eines besonders wichtig:

Dann müssen sie die richtige Beratung kriegen, die richtige Hilfe kriegen, so dass sie sich für das Kind entscheiden und nicht dagegen. Denn früher wurde auch meinen Eltern gesagt: Geben sie das Kind weg, sonst läuft ihnen der Mann weg.  Wo ich auch sehr dankbar bin, dass Mutti gesagt hat: Ich behalte das Kind. Und das ist mein Appell an die Eltern oder die, die es werden wollen, dass sie das genauso machen. Wie man auch immer so schön sagt: Die Kinder sind die Zukunft. Dass sie die Zukunft auch irgendwann gestalten können.                

Wie Sebastian Urbanski seine Gegenwart und Zukunft gestaltet und welche Rolle dabei sein Glaube an Gott spielt, hören Sie nach der Musik.

Zweiter Teil:

Sebastian Urbanski ist Schauspieler am Theater in Berlin und der erste Mensch mit Down-Syndrom im Vorstand der Lebenshilfe Deutschland. Aufgewachsen ist er in der ehemaligen DDR. Er gehört keiner Religionsgemeinschaft an, aber der Glaube an Gott spielt in seinem Leben trotzdem eine ganz wichtige Rolle:

Die ganze Bibelgeschichte fasziniert mich und auch die Geschichten um Jesus. Und ich habe im katholischen Kindergarten dann auch Beten gelernt und war dann auch in der Kirche bei uns, in der Maria Magdalena Kirche in Gottesdiensten und heute gehe ich immer noch gerne in Kirchen und das macht mir auch riesen Spaß. Und da meine Oma leider – Gott habe sie selig- schon bei IHM ist, da denk ich jedes Mal an sie. Weil sie war eine richtige Bilderbuch-Oma, die hat mir auch sehr viel beigebracht und wenn ich in eine Kirche gehe, denke ich immer an sie.          

Sein Glaube ist zugleich ganz fest und ganz freiwillig:

Aus freien Stücken, deshalb sag ich: Ich bin ein freiwilliger, freier Katholik, der einfach so in die Kirche gehen kann ohne irgendwelche Zeremonien und das ist auch sehr schön so.

Er engagiert sich auch politisch und will, dass Menschen mit Behinderung gehört werden. Sebastian Urbanski wird gehört, sogar im Bundestag. Dort liest er am 27. Januar 2017 zum Gedenktag an die Opfer der Euthanasie einen Brief von Ernst Putzki vor. Putzki war einer von über 300.000 Menschen, die von den Nazis ermordet wurden, weil man ihr Leben als „lebensunwert“ bezeichnete. Sebastian Urbanski erinnert sich:

Das war unglaublich, die ganzen Politiker waren still. Selbst die, die die große Klappe haben, waren alle still.  Herr Gauck konnte mich gar nicht mehr loslassen vor lauter Umarmung, Frau Merkel hat mir die Hand gereicht. Das war schon ein Wahnsinnsgefühl.       

Nicht nur die Politiker sind von Sebastian Urbanski tief beeindruckt. Auch ich erlebe einen Menschen, der mich mit seiner Vision von Gesellschaft bereichert:

Dass alle da sind wie eine Familie. Dass die Kinder groß werden können. Groß im Wirken und groß als Person. Und wenn Gott will, dass er bei allen die schützende Hand hat, dann hat er bestimmt auch die Hände über den Menschen mit Behinderung und die Normalen.  Dass die Gesellschaft zwar anders denkt: „Behinderte, um Gottes willen!“. Aber ich sage: Nein, nicht um Gottes Willen – wenn Gott das will, dann bringt uns was bei! Und das ist der Punkt:  Denn behindert sein ist auch normal!  So funktioniert die Gemeinschaft.

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