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SWR3 Gedanken

01AUG2019
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Manchmal setze ich mich an mein Küchenfenster und gucke raus. So wie diese älteren Herrschaften mit einem Kissen auf der Fensterbank. So gucke ich mir die Welt vor meinem Fenster an.

Genau gegenüber, über die Straße ist eine Schule. In den Pausen spielen und toben die Kinder. Laut sind sie und voller Leben. Auf der einen Seite von mir wohnt eine Flüchtlingsfamilie. Der Sohn macht bald Abitur, er spricht gutes Deutsch. Der Vater blüht im Garten hinterm Haus auf. Seine Tomaten sind superlecker.

Auf der anderen Seite wohnt eine alte Dame. Sie erzählt gerne. Von damals. Vom Krieg und der Flucht. Vom Ankommen in der fremden Stadt. Lauter Katholiken und sie, die „Reingeschmeckte“, und dann auch noch evangelisch – „wüstgläubig“… Ein paar Häuser weiter Freunde. Zwei Männer. Wenn ich etwas brauche: Eier oder Zuspruch, Freundschaft oder einen Bohrer – hier kann ich immer hin.

Vor meinem Fenster ist die ganze Welt versammelt und ich bin ein Teil davon. Alle sind wir besonders, mit einer eigenen Geschichte, Sachen, die wir mögen, Dinge, die wir nicht abkönnen; jeder hat seine Eigenheiten und Merkmale und Wertvorstellungen. Die Welt ist bunt – und ich freue mich dazuzugehören!

Aber noch besser ist es, wenn ich mein Kissen nehme, das Fenster schließe und mich auf die Bank setze, die draußen, vor meiner Haustür steht. Dahin, wo die anderen auch sind.

Inspiriert von „Vor meinem Fenster ist die ganze Welt versammelt“ von GiselaMatthiae, aus: Junge.Kirche 4/18

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