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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Es ist der Wunsch aller Schafe, ungeschoren davonzukommen. – Dieser Spruch hängt in Hanna`s Arbeitszimmer über dem Schriebtisch.

Es ist der Wunsch aller Schafe, ungeschoren davonzukommen… Ich muss lachen, als sie mir das erzählt. Ja, dann bin ich wohl auch ein Schaf. Auch ich möchte immer wieder ungeschoren davon kommen. Keine Krankheiten mehr, keine Schicksalsschläge, keine größeren Zumutungen. Jede Nacht bete ich, dass Gott mich vor solchen Dingen bewahren möge.

„Aber eigentlich ist es doch ein ganz natürlicher Wunsch, ungeschoren davonzukommen“, sage ich.
„Ja, aber es ist ein sehr kindlicher Wunsch“, entgegnet Hanna. „Denn in der Wirklichkeit verhält es sich wie mit den Schafen: da kommt keines ungeschoren davon.“

Hanna spricht aus eigener Erfahrung: Mit 28 musste sie hinter dem Sarg ihres Mannes hergehen, arbeitslos und ein kleines Kind auf dem Arm.
Was tun? Da kann man sich nicht gegen wehren; es hilft auch nicht, nach Schuldigen zu suchen.
„Das war nun mal mein Schicksal“, meint sie, „und keine Macht der Welt konnte etwas daran ändern.“
Sie hat sich irgendwann gefragt: Bleibe ich jetzt wie angewurzelt stehen und starre mein Leben lang auf diese furchtbare Wunde?
Oder komme ich wieder zu mir?
Sie ist wieder zu sich gekommen, hat ihr Schicksal in kleinen Schritten angenommen. Sie lächelt: „Und da habe ich aufgehört, ein Schaf zu sein.“

Es ist der Wunsch aller Schafe, ungeschoren davonzukommen.
Wenn ich über Hanna nachdenke: Ich glaube, ich möchte noch ein bisschen Schaf bleiben, mit meinen kindlichen Wünschen und Gebeten.

Aber was, wenn es anders kommt und ich nicht ungeschoren davon komme?
Naja, ein Schaf ist ja nie ganz allein.
Ich verbinde mit Schafen immer Jesus und seine Geschichten vom guten Hirten: Jesus vergleicht sich da mit einem Hirten, der gut auf seine Schafe aufpasst. Ein Hirte, der sofort merkt, wenn eines seiner Schafe in Gefahr gerät. Und wenn das passiert, geht er ihm nach. Denn er lässt kein einziges seiner Schafe im Stich.

Er bewahrt womöglich keinen davor, geschoren zu werden. Das ist ja auch nicht die Aufgabe eines Hirten. Aber er ist da. Und ich fühle mich behütet.
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