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SWR3 Gedanken

02JUL2019
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In meinem Wohnzimmer steht eine Tonfigur. Sie ist ungefähr 20 Zentimeter hoch und Terrakottafarben. Ein Künstler hat sie gestaltet. Man erkennt, dass es ein Körper ist – erkennt Arme und Beine. Das Gesicht sieht man nur schemenhaft, aber es hat einen markanten Ausdruck. Außer der Tonfigur, die bei mir steht, gibt es noch 10653 weitere. Sie sehen alle fast gleich aus. Nur das Gesicht unterscheidet sich.

Ich habe diese Tonfigur aus Grafeneck. Dort gibt es ein Dokumentationszentrum und eine Gedenkstätte. Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden dort 10654 Menschen mit Behinderung getötet. Sie wurden aus ganz Süddeutschland dorthin gebracht, vergast und anschließend verbrannt. Die Nazis haben behauptet, das sei besser so. Denn ein Leben mit Behinderung sei nicht lebenswert.

Ich glaube, dass jedes Leben lebenswert ist. Weil Gott jeden Menschen erschaffen hat. Einzigartig in aller Unterschiedlichkeit. Und das findet der Künstler auch, der die Tonfiguren gemacht hat. Jede Tonfigur erinnert an einen Menschen, der in Grafeneck gewaltsam getötet wurde. Und die Idee des Künstlers ist es, dass die Tonfiguren von vielen verschiedenen Menschen mit nach Hause genommen werden. So lebt etwas von den ermordeten Menschen weiter. Und auch die Erinnerung daran, dass sowas nicht wieder passieren darf. Jeder, der eine Tonfigur mitnimmt, so die Idee des Künstlers, ist Pate oder Patin gegen Diskriminierung und Stigmatisierung.

Deshalb habe ich auch eine Tonfigur mitgenommen. Dafür will ich mich einsetzen. Damit sowas wie in Grafeneck nicht wieder passiert. Denn niemand hat das Recht über den Wert von Leben zu entscheiden.

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