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SWR1 Begegnungen

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Einen gesegneten Neujahrstag wünsche ich Ihnen. Ich bin Roland Spur von der Evangelischen Kirche und möchte Ihnen Professor Paolo Ricca vorstellen. Er ist Waldenser, also ein italienischer Protestant. Er lebt und arbeitet in Rom, »im Schatten des Vatikans«. Wie fühlt man sich da, als Teil einer winzigen, protestantischen Kirche im katholischen Italien?

Es ist nicht: „Wie groß ist Ihre Gemeinde?“, sondern immer nur: „Habt Ihr etwas zu sagen?“ Das ist es! Wenn wir nichts zu sagen haben, wäre keine Botschaft, keine Hoffnung. Dann könnten wir auch eine Million Menschen sein, aber so zu sagen sprachlos. Und bedeutungslos!

Teil 1
Neues Jahr. Man zieht Bilanz, schaut zurück – und nach vorn! Wie sieht denn die Zukunft aus, die Zukunft dessen, wofür Christen stehen in dieser Welt?
Dazu habe ich mich mit einem Fachmann unterhalten, mit Paolo Ricca aus Rom, mit einem Protestanten aus der Stadt der römisch-katholischen Weltkirche. Begegnet bin ich aber Paolo Ricca nicht in seiner italienischen Heimat, sondern in Stuttgart, anlässlich eines Vortrags. Für einen Italiener spricht er sehr gut deutsch.

Wir sind jetzt Stuttgart, die Stadt, wo die Bibel... – Also für mich „Stuttgart“ ist »Bibelwerk«. Als ich Student war, habe ich die hebräische Bibel, die eben in Stuttgart erscheint. Und ich meine, es ist nicht zufällig, dass Stuttgart eben dieses große Bibelwerk hat.

Bald zweihundert Jahre Württembergische Bibelanstalt Stuttgart. Bibeln in allen möglichen Ausgaben, vor allem auch wissenschaftliche. So heißt solch eine Ausgabe des Alten Testament offiziell in der ganzen Welt nach der Stadt: »Biblia Stuttgartensia«.

Das war die Bibel, wo schon mein Vater eigentlich die hebräischen Sprache studiert hat. Er war Pastor, und ich habe von ihm diese Bibel.

Die Geschichte, die mir Paolo Ricca erzählt, ist bewegend und bitter. Frühling 1848 in Rom: es gibt eine neue, liberale Verfassung. Es gibt Pressefreiheit. Und die Waldenser nutzen diese Pressefreiheit, um das Neues Testament in italienischer Sprache herauszubringen, erste Auflage mit 3.000 Stück. Der Papst (Pius IX.) betreibt erfolgreich die Niederschlagung der Römischen Republik, kehrt nach Rom zurück und lässt die noch nicht ausgelieferten Bibeln verbrennen, alle.
Fast. Nur drei Exemplare haben überlebt. Eines davon ist in der Bibliothek der Waldenser-Uni in Rom. Sie hüten es wie einen Augapfel.
Wie geht es den italienischen Protestanten heute? Werden sie wahrgenommen oder verschwinden sie als Minderheit?

Es ist nicht schwer, diese Frage zu beantworten. Denn es hängt immer nur grundsätzlich vom Bestand des Glaubens ab. Schon im Alten Testament, in der Bibel geschrieben steht: »Werden wir Glauben haben, so werden wir bestehen. Werden wir den Glauben verlassen, so sind wir verloren und wir werden verschwinden.« (vgl. Jesaja 7, 9)

Teil 2
Da war vor ein paar Wochen bei uns in den Medien von einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung die Rede, derzufolge die Deutschen viel, viel religiöser seien als ihr Ruf. Andere machen sich im Gegenteil Sorgen. Weil viele Kirchen oft ziemlich leer sind und die Zahlen der Kirchenmitglieder seit Jahren sanft zurückgehen. Wenn man diese Zahlen und Linien weiterzieht, ist die Frage nach der Zukunft der christlichen Kirche im allgemeinen und der protestantischen Kirche im Besonderen gar nicht so fremd.

Die Zukunft des Protestantismus’ hängt davon ab, wie sehr und tief der Protestantismus den Glauben weiterhin vertreten will. Wir haben zum Beispiel in Italien unsere Geschichte, wir sind immer eine winzige Wirklichkeit gewesen. Wir sind heute unter 58 Millionen Italienern 20.000 Waldenser. Das ist so wie nichts. Und trotzdem sind wir da seit acht Jahrhunderten, also schon vor der Reformation. Was hat uns am Leben gehalten?

Am Leben gehalten – trotz Verfolgungen, trotz Massakern, trotz Inquisition. Anders als die großen Kirchen haben sie sich nicht mit weltlicher Macht verbündet. Also keinen Schutz oder Unterstützung erhalten. Woher haben Waldenser die Kraft zum Überleben bekommen?

Nur der Glaube. Der biblische Glaube, der mit dem Wort Gottes eng verbunden ist, der da seine Grundlage findet, seine Substanz, sein Leben findet. Jener Glaube hat Zukunft.

Der Glaube an die Rechtfertigung des Gottlosen, wie man die Liebe Gottes auf einen Nenner gebracht hat. Jesus hat sie gelebt, vorgelebt. Und wer sich vom Himmel akzeptiert, geschätzt, geliebt weiß, der wird frei, frei zum Tun des Guten. Zur Solidarität mit den Armen. Zum Widerstand gegen himmelschreiendes Unrecht: der wird frei zur Nächstenliebe.

Schon der Apostel Paulus hat das gesagt. Dreierlei werden Zukunft haben! Dreierlei bleiben: Glaube, Hoffnung und Liebe. Und das ist die Zukunft – nicht nur des Protestantismus, nicht nur des Christentums, sondern ich meine auch der Zukunft Europas.

In unserem weiteren Gespräch über Bedeutung, über Einfluss und Kraft des Protestantismus’ auf unsere Kultur und auf unseren Kontinent kommen wir auf biblische Geschichten zum Thema Minderheit in einer Gesellschaft. Doch weil ich offenbar für Paolo Ricca immer noch zuviel mit Zahlen, mit „Quoten“ in den Medien, mit Prozenten daherkomme, korrigiert er mich, sanft. Heilsam.

Sie haben am Anfang gesagt von „Sauerteig“, „Salz der Erde“ – das ist ein sehr wichtiger Hinweis. Man soll beachten, dass Jesus eigentlich nie von Zahlen gesprochen hat. Und für ihn waren zwölf Menschen genug, um die Welt zu missionieren! Und zwei Fische und fünf Brötchen waren genug, um 5.000 Tausend Menschen zu sättigen.
Also: die Arithmetik Gottes ist eine andere wie unsere.
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