Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

„Gott lehrt mich im Alter das Empfangen“, hat die alte Frau zu mir gesagt.

Ich habe sie zu ihrem 85. Geburtstag besucht. Sie hat in ihrem Leben viel gearbeitet, hat fünf Kinder großgezogen, ihre Mutter und die Schwiegereltern gepflegt und sich nebenher in der Kirchengemeinde engagiert. Aber jetzt war sie alt und gebrechlich. Aber Hilfe anzunehmen ist ihr nicht leichtgefallen.

„Wissen Sie,“, hat die Frau gesagt, „ich war immer für andere da, jetzt brauche ich selber Hilfe. Die anzunehmen fällt mir schwer. Das muss ich wohl noch lernen.“ Und dann hat sie diesen eindrücklichen Satz gesagt: „Gott lehrt mich im Alter das Empfangen.“   

Dass es Menschen schwerfällt, Hilfe anzunehmen oder andere um Hilfe zu bitten, höre ich immer wieder. Ich kann das verstehen. Niemand möchte von anderen abhängig sein. Selbständig zu bleiben bis ins hohe Alter ist ein Wunsch vieler. Und man möchte ja auch niemandem zur Last fallen. Aber je älter man wird, desto mehr ist man auf fremde Hilfe angewiesen. Die alte Frau hat für sich erkannt, dass sie lernen muss, Hilfe anzunehmen. „Das Empfangen lernen“ – so hat sie es genannt.

Im Gespräch mit der Frau ist mir wieder deutlich geworden: Das wirklich Wichtige im Leben können wir Menschen nicht machen. Das bekommen wir geschenkt. Die Liebe eines anderen Menschen zum Beispiel. Oder die Gesundheit - auch die können wir nicht machen. Wir leben von dem, was wir geschenkt bekommen – von anderen und von Gott.

Die Menschen in der Bibel haben das auch so erlebt. Segen haben sie das genannt, was man nicht selbst machen kann, sondern was man von Gott geschenkt bekommt. Die Hilfe, die mich rechtzeitig erreicht, zum Beispiel. „Dich schickt der Himmel“, sagen wir dann. Auch ein guter Schlaf in der Nacht ist ein Segen.

Für ihre Familie war die alte Frau ein Segen gewesen. Jetzt war es umgekehrt. Die anderen waren für sie ein Segen. Und sie hat sich vorgenommen, diesen Segen anzunehmen - dankbar und ohne schlechtes Gewissen. Das zu lernen, dazu ist niemand zu alt, meine ich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28360