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SWR2 Wort zum Tag

Mir ist ein krasses Gedicht begegnet, das mich ganz schön ins Nachdenken gebracht hat. Es stammt von Erich Fried, einem politischen Lyriker der Nachkriegszeit. Das Gedicht trieft vor Ironie. Es klingt wie ein Rezept. Als sei es ganz einfach, wie die Welt auf der Stelle gut sein könnte. Und hier ist es: das Gedicht „Die Maßnahmen“ von Erich Fried:

 

Die Faulen werden geschlachtet, die Welt wird fleißig;

Die Hässlichen werden geschlachtet, die Welt wird schön;

Die Narren werden geschlachtet, die Welt wird weise;

Die Kranken werden geschlachtet, die Welt wird gesund;

Die Alten werden geschlachtet, die Welt wird jung.

Die Traurigen werden geschlachtet, die Welt wird lustig;

Die Feinde werden geschlachtet; die Welt wird freundlich.

Die Bösen werden geschlachtet, die Welt wird gut.

 

Klingt, als wäre es ganz einfach, die Welt gut zu machen. Ich merke aber auch ganz schnell, dass da etwas nicht stimmt, dass dieses Rezept so nicht aufgeht. Als erstes frage ich mich: Wer beurteilt denn, wer faul oder hässlich ist und deshalb geschlachtet werden soll. Ein Arzt? Die Lehrerin, der Pfarrer oder etwa die Regierung und die Polizei? Ganz schnell bin ich da bei der Weltanschauung der Nazis. Die haben ja geglaubt zu wissen, welches Leben lebenswert ist und welches nicht.

Und spätestens bei der Frage, wer traurig, böse oder krank ist, lande ich doch früher oder später auch bei mir selbst. Denn auch ich muss weinen, wenn ein Haustier stirbt, ich lästere manchmal über Kollegen ab, und in schöner Regelmäßigkeit befällt mich eine Grippe.

Ich finde, dass all das, was Erich Fried in seinem Gedicht nennt, einfach zu unserem Leben dazu gehört: Natürlich habe ich mal einen faulen Tag. Dafür bin ich an anderen Tagen fleißig und schaffe richtig was weg. Und ich bin in den Augen mancher Menschen vielleicht auch hässlich. Dafür finden mich andere wieder schön. Ich glaube auch, dass jeder mal auf dem Schlauch steht, und älter werden wir ebenfalls alle. Wenn man nun all diejenigen „schlachten“ würde, dann bliebe ja gar niemand mehr übrig für eine „gute Welt“ im Sinne des Gedichtes von Erich Fried. Wer soll denn die Welt gut machen, wenn nicht diejenigen, die auf ihr leben?

Für mich ist das Gedicht damit zum Glück widerlegt. Und mir ist beim Nachdenken über das Gedicht klar geworden, dass man nichts über einen Kamm scheren kann, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt. Und dass unsere Welt zum Glück nicht perfekt ist.

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