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SWR2 Wort zum Tag

Meine Schüler und ich lesen im Religionsunterricht gerade einen spannenden Roman: „Die Hütte“ von William Paul Young. Wir lesen jede Woche ein Stück weiter und können manchmal kaum erwarten, wie es weitergeht.

Die Hauptperson des Romans ist ein Familienvater, der durch ein Gewaltverbrechen die jüngste Tochter verloren hat. Nach Jahren der Trauer bekommt er eine Einladung, ein Wochenende in der Hütte zu verbringen, in der das Verbrechen stattgefunden hat. Das Merkwürdige dabei ist: Die Einladung stammt von Gott. Der Mann zweifelt an seinem Verstand deswegen, fährt aber aus Neugier hin und lernt tatsächlich Gott kennen und arbeitet mit ihm sein Leid auf.

Uns beschäftigt im Unterricht, wie in diesem Roman Gott beschrieben wird. Jesus spielt dabei mit. So wie wir ihn uns vorstellen. Der Heilige Geist ist eine asiatische Frau. Gottvater wird zwar als „Papa“ angesprochen, er zeigt sich allerdings als afroamerikanische Frau, die Gastgeberin für das Wochenende ist. Gott steht in der Küche und sie kocht hervorragend. Und beim Kochen reden sie und der eingeladene Vater darüber, wie die Welt entstanden ist, wieso Menschen und Tiere leiden müssen, und auch darüber, dass es Gott nicht egal ist, wenn andere leiden.

Gott als Mann oder als Frau – darüber habe ich bisher nur abstrakt diskutiert oder in theologischen Büchern gelesen. Und hier steht Gott als Frau in der Küche und kocht. Die Frau ist zwar wieder mal im Klischee der Hausfrau und Köchin gezeichnet. Aber diese Frau ist so voller Lebensfreude und Kraft, dass das über das Klischee hinaus geht. In der Küche stehen und für andere kochen ist schließlich etwas, was Kraft gibt und Gemeinschaft stiftet. Und mir gefällt es, wie das Göttliche sich dabei von der weiblichen Seite zeigt: Souverän und gleichzeitig einfühlsam. Für mich passt das wunderbar zu dem, wie Gott in der Bibel dargestellt wird. Da wird er nämlich von Anfang an mit menschlichen Zügen beschrieben und mit dem Menschen verglichen als seinem Ebenbild: männlich und eben auch weiblich. Dieses Bild des weiblichen Gottvaters, das Souveränität verkörpert und voller Lebensfreude ist, nehme ich gerne mit in mein Gottesbild auf.

Heute ist der Internationale Tag der Frauen. Ich habe damit bisher immer den Kampf der Frauen um Gleichberechtigung verbunden. Heute will ich einen anderen Akzent setzen, der über dieses wichtige Anliegen hinausgeht.  Ich feiere mit den Frauen die Lebensfreude, die vom Weiblichen ausgeht. Ihre Stärke, mit der sie einfühlsam und souverän im Leben stehen.

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