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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Sawu bona – das bedeutet „Guten Morgen“ oder „Hallo“ in Zulu – einer Sprache aus Südafrika. „Sawu bona“ bedeutet aber genau genommen: „Ich sehe dich“. Die Menschen des Zulu-Volkes begrüßen sich also nicht mit: „Hallo“ oder „Wie geht’s?“ sondern mit: „Ich sehe dich“. Das ist ein großer Unterschied, finde ich!

Gestern bekam ich eine WhatsApp-Nachricht von einer Frau aus meiner Gemeinde. Sie schrieb: „Ich möchte mich für den freundlichen Empfang am Sonntag bedanken. Es hat mir sehr gutgetan, es war das Beste an diesem Tag für mich…“

Ich habe einen Moment überlegen müssen, was ich denn Besonderes gemacht hatte? Ich hatte die Frau am Eingang zur Kirche getroffen. Spontan habe ich ihr die Hand gegeben – das war sicher nichts Besonderes. Aber dann habe ich sie einen kurzen Moment angesehen und gesagt: „Ich freue mich, dass sie da sind“. Es muss dieser kurze Moment gewesen sein. Dieses bewusste Ansehen, dieses: „Ich sehe dich“, was der Frau so gutgetan hat.

„Ich sehe dich“, die Bibel erzählt auch, wie gut das tut. Hagar, eine Dienerin, hatte sich mit ihrer Herrin zerstritten. Eines Tages läuft Hagar weg, sie hält es einfach nicht mehr aus. Aber sie weiß nicht wohin und so flieht sie in die Wüste. Dort begegnet ihr ein Engel, spricht sie an, sagt ihr, dass sie wieder zurückgehen kann, zeigt ihr eine neue Perspektive auf. Engel sind Boten von Gott. Hagar begreift das und sagt am Ende des Gesprächs: „Du bist ein Gott, der mich sieht!“ Bis eben hatte sie das Gefühl, ganz alleine auf der Welt zu sein, keinen zu haben, der sie achtet, der sie überhaupt sieht, bis dieser Engel sie angesprochen hat.

„Sawu bona - ich sehe dich“. Es braucht manchmal nicht viel, um einem Menschen aufzuhelfen. Die Frau im Foyer meiner Kirche, die ich einen kurzen Moment ganz bewusst angesehen habe, diese Magd Hagar, die verzweifelt auf der Flucht ist: es geht um dieses bewusste Hinsehen dieses Wahrnehmen des Anderen.

Bei der Dienstmagd Hagar in der Wüste war es ein Engel. Aber ein Engel könnte doch eigentlich jeder sein, so wie ich vielleicht am Sonntag? Denn da war ich für diese eine Frau am Eingang auf einmal ganz wichtig, nur weil ich – ohne viele Worte - ausgedrückt habe: „Ich sehe dich. Du wirst nicht übersehen, du bist wertvoll.“ In solchen Momenten wird ein Mensch zum Engel für andere.

Ich wünsche ihnen heute einen solchen Engel in Menschengestalt, der zu ihnen sagt: „Ich sehe dich“. Und vielleicht werden sie auch zu einem Engel für jemand anderes? Ein kurzer Moment, ein genaues Hinsehen und wenige Worte reichen oft schon.

 

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