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SWR2 Wort zum Tag

Gut, dass es Worte gibt, die ich mir borgen kann. Um damit zu leben. Meine eigenen Worte reichen oft nicht aus. Sind karg. Verbraucht. Ich habe sie vielleicht schon zu oft benutzt. Oder die Worte, die mir einfallen, sind nicht so kräftig, dass sie weiterhelfen können über Abgründe im Leben oder auf Strecken, die einen auszehren. Gut, dass es Worte und Sprache gibt, die man sich borgen kann. Eigentlich machen wir das dauernd.

Ich borge mir zB. die Sprache der Musik zum Leben. Um mich auszudrücken. Ich kann selbst nicht komponieren. Keine Songperlen wie van Morrison oder Leonard Cohen, geschweige denn große Werke wie Mahler. Ich borge mir, hemmungslos, ihre Sprache. Und docke mit meinem Leben an an ihrer Musik, ihren poetischen Erfahrungen. Verstehe mich darin. Und indem ich in der Sprache und den Worten von anderen irgendwie heimisch werde, erweitert sich mein kleines Leben. Irgendwie kann ich dann auf einmal leichter über den eigenen Horizont hinausschauen. Werde aufgehoben und weiter geführt. Weiter als ich selbst je leben könnte.

Auch mit religiösen Worten ist das so. Bei Licht besehen ist es sogar wenig Eigenes, was ich sagen kann. Weit mehr ist geborgt, geschenkt. Gebete z.B.: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich.“

Oder Geschichten, wie die vom verlorenen Sohn, der nach langen Wegen endlich wieder ankommt. Und der Arme erlebt, die ihn herzlich willkommen heißen. In diesen geborgten Worten kommt Gott mir näher. Ich habe nicht dasselbe erlebt. Aber ich finde mich in ihnen wieder und oft reicht dafür schon eine Ähnlichkeit.

Einer, bei dem ich mir immer wieder Worte zum Glauben borge, ist Hanns Dieter Hüsch. Der heitere, fromme und so unglaublich humane Kabarettist vom Niederrhein. Schade, dass er so früh verstorben ist. Besonders angetan hat es mir ein Psalm von ihm. Es würde mich freuen, wenn er Ihnen auch gut tut: Hüsch schreibt oder betet:

Ich bin vergnügt erlöst befreit
Gott nahm in seine Hände Meine Zeit
Mein Fühlen Denken Hören Sagen
Mein Triumphieren Und Verzagen
Das Elend Und die Zärtlichkeit.

Was macht daß ich so furchtlos bin
An vielen dunklen Tagen
Es kommt ein Geist in meinen Sinn
Will mich durchs Leben tragen

Was macht daß ich so unbeschwert
Und mich kein Trübsinn hält
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
Wohl über alle Welt.

Ist es nicht ein Glück, dass geborgte Worte und Sprachen einen leben lassen können? Ich wünsche mir und Ihnen heute diese Erfahrung.

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