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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Mein achtjähriger Enkel und ich besuchen den Sonntagsgottesdienst. Mit der Gemeinde sprechen wir die bekannten Texte und Gebete. Alles in gemessenem Ton, ohne auffallende Leidenschaft. So auch das Vater Unser: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe - und so weiter. Doch dann kommt der letzte Satz, und mein Enkel hebt die Stimme und betet laut und mit Nachdruck: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit Amen. Warum hast Du diesen Satz so laut gesprochen, frage ich ihn. Mir gefällt er einfach, antwortet er, deshalb bete ich ihn laut.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen. Dieser Satz gehörte anfangs nicht zum Vater Unser. Christen haben ihn erst später hinzugefügt. Das geschah in einer Zeit, als die Christenverfolgungen im römischen Weltreich immer systematischer wurden. Christen wurden zunehmend Außenseiter, Bürger zweiter Klasse. Und  sie erlebten eine herbe Enttäuschung: Die Wiederkunft Christi, auf die sie so sehr hofften blieb ebenso aus wie das Reich Gottes. In dieser Krise setzten sie erneut ihre Hoffnung auf Gott, auf seine Kraft und das Kommen seines Reiches, und trotzten den Verhältnissen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen.

Viele Christen – und ich auch - sehen sich heute erneut in einer Krise. Hausgemachte Skandale erschüttern die Kirche. Die Gemeinden schrumpfen. Und die Gesellschaft kommt anscheinend prima ohne Evangelium und Kirche aus. Die Bitten aus dem Vater Unser – dein Reich komme, dein Wille geschehe - , diese Bitten sind offenbar wirkungslos.

Mir hilft in dieser Lage der Blick auf die frühen Christen. Sie waren weitaus schlechter dran als wir. Dennoch gaben sie das Vater Unser nicht auf, sondern setzten noch einen Akzent drauf. Mitten in der Krise erneuerten sie ihre Hoffnung und vertrauten auf Gottes Kraft und das Kommen seines Reiches. Gegen alle Umstände.

Dem Beispiel der frühen Christen - und dem meines Enkels - kann ich folgen und diesen Satz mit Zuversicht und laut beten: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen.

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