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SWR2 Wort zum Tag

„Wie kann das nur sein?“, frage ich mich, wenn ich von Gewaltakten gegen Menschen höre. Wie können Menschen Anderen das antun? Wo bleibt das Mitleid? Oder kann die Fähigkeit zum Mitleid verloren gehen – unterdrückt und zum Verstummen gebracht werden? Was könnte Mitleid beschützen/bestärken?

Der Schweizer Dramatiker Milo Rau hat ein Stück mit dem Titel „MITLEID“ (2016) verfasst. Er ist diesen Fragen nachgegangen. Ohne jede Beschönigung. Das Stück handelt vom grausamen Völkermord an den Tutsi in Zentralafrika - 1993. Milo Rau spannt den Bogen bis zu den Flüchtlingsströmen von 2015. Mich hat dabei bewegt: Wenn alle Dämme brechen und rohe Gewalt ausbricht – wie kann dann noch Mitleid bewahrt und nicht als überflüssige und hilflose Regung angesehen werden?

Eine als NGO Helferin entsandte Abiturientin durchlebt im Stück ihr Trauma: Sie wird von der empathischen europäischen Weltretterin zur apathischen und desillusionierten Rückkehrerin. Sie erlebt so viel Lüge, Korruption und Grausamkeit – ihr Mitleid bleibt dabei auf der Strecke. Bei einer Spendengala 2015, zugunsten von Flüchtlingen, gesteht sie sich ein: Ich kann kein Mitleid mehr empfinden. Am Ende dieser Mischung aus Doku und Fiktion kommt ein alter Jesuitenpater zu Wort. Er hat seine Ordensbrüder im Kongo als Opfer von Gewalt verloren. Und sagt, was ihn einzig weiterleben lässt:

Nur der Blick aufs Kreuz
Hilft mir noch
Der Gedanke, dass Gott weiß
Wie sich das anfühlt
Weil Er doch Mensch geworden ist
Und selbst verraten wurde
Weil Er verkauft wurde
Geschlagen und gefoltert...
Ja, diese Vorstellung gibt mir Kraft:
Gott ist ohnmächtig
Er ist mitten unter uns
Und leidet.

Geht mir das auch so? Kann mir ein Blick auf das Kreuz helfen, Mitleid zu bewahren? Gott weiß, wie sich das anfühlt, und hat das alles auch durchlitten und leidet mit - gibt mir diese Vorstellung Kraft und Halt?

Mich überzeugt das Wort des Jesuitenpaters. Ich denke und fühle wie er: Genau diese Vorstellung ist mir so etwas wie eine Schutzimpfung gegen Abstumpfung und Resignation in meinem Herzen: Wo Gott selber im Leiden da ist, mitleidet, da haben Qualen und Gewaltakte nicht das letzte Wort. Wo ich mitleide und spüre - meine Kräfte reichen nicht aus, ich kann das Unheil mit meinen Kräften nicht abwenden - da fällt auch auf das, von Gott her ein Licht. Wo Gott mitleidet, ist auch mein Mitleiden noch nicht am Ende.

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