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SWR2 Wort zum Tag

Innerhalb eines halben Jahres haben zwei Menschen aus meinem Bekanntenkreis Suizid begangen. Ich habe nicht bemerkt, dass sie so verzweifelt waren, dass sie sich das Leben genommen haben.

Zunächst bin ich schockiert und sprachlos gewesen.

Und dann einfach nur nachdenklich, mit vielen Fragen in meinem Kopf. Wieso haben sie sich keine Hilfe gesucht? Warum habe ich nicht mitbekommen, wie schlecht es ihnen geht?

Ich bin überzeugt davon, dass Suizid immer die falsche Lösung für ein Problem ist. Und darüber hinaus frage ich mich, ob denn die Gesellschaft, in der ich lebe, wirklich genug Hilfe anbietet für Menschen mit Problemen.

In meinem Umfeld weiß ich von ein paar wenigen Menschen, dass sie unter Depressionen leiden und sich Hilfe geholt haben. Zum Beispiel meine Freundin Barbara. Sie ist nach 15 Jahren von ihrem Partner verlassen worden. Danach ging bei ihr erst mal gar nichts mehr. Sie hat mir später erzählt, dass sie keine Lust hatte, mit ihren Freunden darüber zu sprechen. Auch nicht mit mir -denn ich war zu dem Zeitpunkt gerade frisch verliebt. Ihr Selbstwert ist kaputt gewesen, sie hat sich mies gefühlt. Für sie ist mit der Trennung ihre Perspektive für das Leben zerbrochen. Und sie ist nicht in der Lage gewesen, alleine damit klar zu kommen.

Irgendwann hat sie sich aufgerafft und einen Termin bei einem Therapeuten ausgemacht. Das hat ihr geholfen, langsam wieder zurück ins Leben zu finden. Aber sie sagt, es sei sehr schwer gewesen, sich zu überwinden, mit jemandem über die eigenen Probleme zu sprechen. Und sie musste einige Monate auf einen Therapieplatz warten.

Viele reden erst gar nicht darüber, wie es ihnen wirklich geht. Das ist ein unbequemes Thema.

Ich kenne es von mir selbst. Wenn es mir schlecht geht, nutze ich die Zeit mit Freunden lieber, um mich abzulenken. Ich will sie dann nicht mit Problemen belasten und sie als „Mülleimer“ benutzen.  Es ist außerdem nach wie vor gesellschaftlich wenig akzeptiert, schwach und verzweifelt zu sein.

Ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn ich lebe, gehört es mit dazu, dass es mir phasenweise gut geht und dann wieder schlecht. Im besten Fall wechseln sich diese Phasen ab, so dass ich es ertragen kann. Das, was ich erlebe, kann mich stark machen, und ich lerne, damit umzugehen. Aber manchmal ist es für einen Menschen allein einfach zu viel, was ihm widerfährt. Da braucht jemand Hilfe, um wieder zuversichtlich zu werden.

Diese Hilfe hat meinen beiden Bekannten gefehlt, die Suizid begangen haben. Ich wünsche mir, dass sie ein besseres Leben bei Gott gefunden haben. Und genauso wünsche ich mir ein gesellschaftliches Klima, wo Menschen es akzeptieren, wenn ich Hilfe brauche. Und Menschen um mich herum die versuchen, jemanden, dem es schlecht geht, zu tragen und zu unterstützen.

 

Anna Gold aus Mannheim von der katholischen Kirche

 

 

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