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SWR3 Gedanken

In einer meiner Lieblingsfernsehserien verliebt sich der Hauptdarsteller in eine Frau. Die Frau ist wunderbar – witzig, klug, direkt, liebevoll. Und es ist schnell völlig klar, dass sie ihn auch liebt. Aber er weicht ihr aus. Und er erstellt irgendwann sogar eine Liste mit Gründen, die gegen ein Date, ja gegen eine Beziehung mit ihr sprechen.

Auf dieser Liste stehen so Sachen wie: „Sie stellt die Klimaanlage auf 24 Grad...“. Oder: „Sie kocht alles mit Kreuzkümmel.“ Insgesamt fallen ihm fast 100 Gründe dieser Art ein. Und was tut sie? Sie nimmt einen Kugelschreiber, um die Liste zu ergänzen. Und sagt: Ich habe auch Gründe (die unter anderem irgendwas mit seinem Schnurrbart zu tun haben...). „Aber der wahre Grund aus dem wir nicht zusammen sein sollten:
Es ist beängstigend. Ja, ich habe Angst. Und ich weiß, dass du auch Angst hast, das kann ich dir ansehen. Aber das ist gut. Es bedeutet, wir haben was zu verlieren.“ – Menschen haben Angst. Vor allen mögliche Dingen. Vielleicht am meisten voreinander. Menschen sehnen sich nach Nähe – und fürchten sich davor. Haben Angst, in ihren vermeintlichen Schwächen erkannt zu werden. Davor, etwas zu verlieren.

Wer Angst hat, braucht Schutz. Um die Angst zu besänftigen. Manche Menschen bauen sich deshalb Schutzwälle auf. Suchen nach Gründen und schreiben Listen, wie der Mann in meiner Serie. Und das ist okay. Aber manchmal werden diese Schutzwälle zu hoch, zu undurchlässig. Und man läuft Gefahr, dass das wirkliche Leben plötzlich völlig draußen bleibt. – Das wirkliche Leben passiert in Begegnungen, hat auch der jüdische Philosoph Martin Buber einmal geschrieben. Und gemeint: Menschen sind Beziehungswesen.

Ich glaube das stimmt. Wir brauchen einander. Und doch sind gerade die Beziehungen zu anderen oft das, was am meisten ängstigt. Und es braucht Mut. Sehr viel Mut. Aber es lohnt sich. Denn nur so werden wir wirklich lebendig.  

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