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SWR4 Abendgedanken RP

Von Herzen gern! Freiwillig und vorbildhaft. So beschreibt die Bibel an vielen Stellen den Dienst der Kirchenältesten, der Presbyter.
Sie leiten und entscheiden die gesamte Arbeit in den Kirchengemeinden. In diesen Tagen verabschieden sich viele Frauen und Männer aus diesem Dienst. Andere stellen sich neu zur Wahl. Was für ein Dienst wartet da auf sie? Was erwarten sie selbst, was die anderen von ihnen?

Teil 1
„Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund! Nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde!“

So heißt es in der Bibel, im ersten Petrusbrief über den Dienst der Ältesten. Der Schreiber des Jakobusbriefes geht sogar noch weiter. Für ihn gehört auch die Sorge um die Kranken zum Dienst der Ältesten:

„Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn!“

Ganz schön hohe Ansprüche hatten die damals an den Dienst der Gemeindeältesten. Wie sieht das heute aus? Hat sich das Bild einer Presbyterin oder eines Presbyters verändert? Wie sollen Presbyter heute sein?

… Vorbilder der Gemeinde.
… Ja, dass se eigentlich meine Wünsche in der Kirche vertreten.
… Ich würd’ mir vielleicht auch noch wünschen, dass er sich der Jugend stellt.
… bekennender Christ sein, öfter im Gottesdienst präsent sein und aufmerksamer Ansprechpartner für die Belange der Gemeindeglieder. Presbyter müssen nicht unbedingt fromm sein, aber ja sich als Christen outen.
… Ja, ganz, normale Menschen wie sie und ich so ungefähr.


Das waren Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde in Winzenheim, die ich nach dem Gottesdienst befragt habe.
So viel anders als in den ersten Gemeinden der Christenheit vor 200 Jahren hört es sich gar nicht an. Und eines bleibt seitdem unverändert: Sie sind nötig, die „Arbeiter im Weinberg des Herrn“ wie es im Matthäusevangelium heißt. Und dass man dafür beten soll, dass es genügend davon gebe, ist so dringend und aktuell wie damals vor 2000 Jahren.
Ich bin zu jung, sagen die einen. Ich bin zu alt, sagen die anderen. Ich weiß zu wenig davon. Ich bin nicht fromm genug. Dann muss ich ja jeden Sonntag in die Kirche! Mich wählt ja doch keiner!
Solche und ähnliche Antworten bekam ich oft zu hören, wenn ich Menschen zu einer Kandidatur einladen wollte.
In vielen Gemeinden gibt es zu wenige, die für dieses Amt kandidieren wollen. Gibt es weniger oder genauso viele Kandidaten wie man eigentlich braucht, werden diese nicht gewählt, sondern lediglich berufen. Das ist schade. Denn eine Wahl hat doch viele Vorteile:
Eine Gemeinde kann dabei verborgene Talente entdecken und fördern. Sie kann mitentscheiden, welche Experten die Geschicke der Gemeinde gestalten sollen. Helga Feilen hat sich vor einigen Jahren ins Presbyterium der Lukas-Kirchengemeinde in Winzenheim wählen lassen und wird es wieder tun.

Für mich war praktisch die Entscheidung für das Presbyterium, weil ich wissen wollte, wie sieht Leitung einer Kirchengemeinde aus. Das wollte ich mal erfahren und erleben, welche Pflichten und Aufgaben da auf einen zukommen.

Welche Aufgaben warten ihrer Meinung nach auf sie und die neuen Presbyterinnen und Presbyter:

Also einmal, denke ich, ist wichtig, Gemeindeglieder dazu zu gewinnen, es wird auch die Finanzierung der Gemeinde immer eine Sorge und ein Problem bleiben.

Aber trotzdem, sie wird weiter machen, wie einige andere auch. Warum sie das tun, darüber gleich mehr nach der Musik.

Teil 2
Es ist ein Ehrenamt - das Amt des Kirchenältesten oder Presbyters. Bald werden sie neu gewählt.
Aber was für ein Amt ist das - eine Kirchengemeinde zu leiten?
Schon die ersten Gemeinden nach Jesu Tod haben es sich damit nicht leicht gemacht. Da gab es Wahlkämpfe. Da gab es Knatsch und Missstände. Selbst die Apostel stritten mit den Ältesten der Gemeinde in Jerusalem darüber, wie es denn nun weitergehen sollte. So vieles war zu regeln. Sollte man sich in Jerusalem eher auf die Juden konzentrieren, die damals zum Christentum übergetreten sind? Oder sollte man eher in die neue Welt ziehen, um die Heiden zu bekehren? Sollte man alte Traditionen und Bräuche beibehalten? Und was sollte mit dem gesammelten Geld geschehen?
Ich kann mir gut vorstellen, dass es hoch her ging damals und so manche Wogen überschwappten und zu glätten waren! Paulus – der wohl erste weltweite Gemeindeberater - konnte davon seitenlang in seinen Briefen erzählen.
Auch heute bringt so ein Amt nicht nur eitel Sonnenschein mit sich, sondern manchen Ärger. Detlef Scheidt legt nach vier Jahren Arbeit im Presbyterium im Frühjahr sein Amt nieder.

Am meisten ärgert mich an der Kirche, dass sie das Vertrauen zu Gott verloren hat. Das geht nur darum: die Altersstruktur, wir werden älter, wir werden ärmer und wir werden kleiner, anstatt mit Zuversicht in die Zukunft zu gehen.

Bernhard Lichtenthaeler war zwölf Jahre lang Presbyter. Rückblickend meint er:

Ja, was mir gefehlt hat und was mich immer wieder gestört hat, ist, dass wir immer wieder die vorletzten Dinge oft zu den letzten Dingen erklärt haben. Das heißt, wir haben eher mehr verwaltet als gestaltet. Wir haben uns meines Erachtens zu wenig Gedanken über Inhalte gemacht. Das sollte doch stärker im Mittelpunkt stehen.

Natürlich gab es für beide auch Highlights in ihrer Zeit als Presbyter.

Zu den ganz großen Highlights gehört natürlich der Einsatz der Zeltmission hier in Winzenheim im Jahr 2001. Weitere Highlights sind die regelmäßigen Gemeindefeste, erst recht seitdem sie sich über ein ganzes Wochenende erstrecken - mit vielen verschiedenen Aktivitäten.
Hier ist also intensiv zusammengearbeitet worden und hier war eine vernünftige Gemeinschaft.


Paulus hatte zu seiner Zeit schon früh erkannt, dass er nicht unbedingt zu dem engsten Kreis der Ältesten gehören musste. Aber aus dieser Arbeit heraus wurden ihm seine Talente, z. B. das Predigen und das Besuchen der Gemeinden, deutlicher bewusst. Auch für Bernhard Lichthentaler und Detlef Scheidt hört das Engagement in der Gemeinde nicht einfach auf, nur weil sie ihr Amt niederlegen. Das ganz eigene Talent, das beide während ihrer Zeit als Presbyter entwickelt haben, wollen sie weiter in die Gemeinde einbringen. Detlef Scheidt hat seine Liebe zum Gemeindebrief, dem „Theophilus“ entdeckt.

Den Theophilus hab ich also lieb gewonnen. Ich hab mich in den vier Jahren intensiv eingearbeitet. Und das macht mir Freude und ich würde es gerne weiter tun.

Bernhard Lichtenthaeler möchte gerne predigen lernen und würde sich dafür sogar ordinieren lassen.
Könnte sein, dass das der Bereich des Prädikanten nachher sein wird. Hier könnte ich durchaus einen neuen Schwerpunkt sehen, auch außerhalb der Tätigkeit als Presbyter.

Wie man in ein solches Amt des Presbyters hineinwächst und warum Menschen heute dafür kandidieren, dazu gleich mehr.

Teil 3
Trotz aller Schwierigkeiten - in vielen Kirchengemeinden sind auch heute Menschen bereit, Verantwortung zu übernehmen.
Sie stellen sich in den nächsten Monaten zur Wahl als Presbyter oder Älteste, wie die Gemeindeleiter in der evangelischen Kirche heißen. Dass man in ein solches Amt nicht einfach hineingeboren wird, das war auch schon eine Erfahrung der ersten Christen. Älteste wurden berufen oder eben gewählt.
Sie waren in der Gemeinde bekannt, hatten sich engagiert und bewährt. Ihnen trauten die anderen das Amt zu, sie vertrauten ihnen. Das Vertrauen der Gemeinde genießen die Kandidatinnen und Kandidaten auch heute. Nur ihre Wege in die Gemeinde und in dieses Amt sind vielleicht andere.
Gabriele Schmidt ist Friseurmeisterin in Winzenheim. Sie kam über ihre Kinder, durch Krabbel- und Familiengottesdienste in die Gemeinde. Mittlerweile leitet sie eine Kindergruppe und hilft im evangelischen Gemeindehaus in der Hausaufgabenbetreuung für Grundschulkinder. Für sie ist die Zeit reif für eine Kandidatur.

Ich wurde schon vor vier Jahren angesprochen wegen einer Kandidatur, nur war es da noch nicht möglich, weil die Kinder noch zu klein waren und ich abends nicht so weg konnte. Ja jetzt sind die Kinder älter und mich interessiert die Sache an sich. Was ganz genau auf mich zukommt, das weiß ich noch nicht.

Auch Michael Kistner möchte jetzt Presbyter werden und kam über seine Kinder zur Gemeindearbeit.

An die Gemeinde bin ich gekommen, dadurch dass unsere Tochter, die Nadine, in der Krabbelgruppe angefangen hat. Zurzeit bin ich Vorsitzender des Jugendausschusses des Ökumenischen Kinder- und Jugendhauses in Winzenheim und helfe dort dem Andreas Duhrmann, unserem Diakon, wo ich halt kann.

Wunderbar finde ich als Pfarrer, wenn in einem Presbyterium viele verschiedene Talente und Generationen zusammenkommen. Man muss nicht alles können - denn jeder bringt sein besonderes Talent mit - das ist eine schöne Erfahrung. Das hält auch die Freude am Wachsen der Gemeinde lebendig und spornt immer wieder neu an. Und es sind viele Gaben die eingebracht werden können.
Jürgen Petermann ist Maurermeister und Bautechniker. Als Mann der Tat, weiß er, wo er - unter anderem - mit anpacken möchte.

Sollte ich als Presbyter gewählt werden, so werde ich mich für die kirchliche Arbeit verwenden außerdem bei baulichen Aktivitäten gerne mithelfen.

Hans-Jörg Fiehl hat vor vielen Jahren seine besondere Liebe zur Gospelmusik entdeckt und hilft auch an der Orgel aus. Er leitet mehrere Chöre und möchte Menschen durch Musik für die Gemeinde begeistern. Er möchte …

… nicht nur den Gottesdienst als Kern des gemeindlichen Tuns verstehen, sondern eben auch aus der Kirche rausgehen, Kirche oder Gemeinde ist eben mehr als nur Gottesdienst. Und ich hab da auch im musikalischen Bereich schon einige Ideen, die man da vielleicht umsetzen könnte.

Thomas Hartmann, Versicherungsfachmann, hat natürlich als Vater zweier kleiner Kinder die ganz Kleinen und die Familien im Blick. Im Presbyterium möchte er sich trotzdem aber auch für die alten Menschen einsetzen. Und das hat bei ihm seinen ganz persönlichen Grund:

Ich hab Zivildienst gemacht beim Diakonischen Werk. Und da waren alte Menschen mein Berufsfeld, mein Tätigkeitsfeld für 20 Monate, und das war eine tolle Erfahrung.

Ganz verschiedene Ansätze, ganz verschiedene Begabungen und Motivationen. Und gerade davon lebt eine Gemeinschaft von Christinnen und Christen. Ganz normale Gemeindeglieder sollen die neuen Leiter der Gemeinde sein, aber doch auch ein bisschen besonders, wie Marianne Förster, ehrenamtliche Leiterin eines Kreises für Seniorinnen, wünscht sie sich so:

Das sollen Menschen sein, die auch mal helfen können, die auch mal zupacken können in der Gemeinde. Die sollen fröhlich sein und sollen Gottesdienste besuchen und sollen eben da sein.https://www.kirche-im-swr.de/?m=2744