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SWR2 Wort zum Tag

Aus welchen Verhältnissen komme ich? Eine spannende Frage. Zum Beispiel, wenn jemand den Stammbaum seiner Familie schreiben will. Immer mehr Leute tun das, verbringen ihre Freizeit in Archiven, um herauszubekommen, von wem sie abstammen. Das ist ein schönes Hobby. Aber ich glaube auch, Zeichen für eine große Sehnsucht: Die Sehnsucht zu wissen, wo man hingehört.
Zu wissen, wo man hingehört, zu wissen, wo man herkommt, das interessierte zu allen Zeiten die Menschen. Auch vor zweitausend Jahren. Kein Wunder also, dass auch die ersten Christen fragten, aus welchen Verhältnissen dieser Jesu von Nazareth stammte. Leider erzählt die Bibel ausgesprochen knapp von den Eltern Jesu und seiner Kindheit. So blieben Fragen offen – bis heute: Welchen familiären Hintergrund hatte Jesus? Wie war das mit Maria und Josef? Wer waren die Großeltern Jesu? Was hat Jesus denn als Kind, als Jugendlicher gemacht?
Auf diese Fragen antworten die so genannten Apokryphen. Das sind solche Texte, die es nicht in die offizielle Bibel geschafft haben. Aber trotzdem jahrhundertelang unter den ersten Christen abgeschrieben, gelesen und weitererzählt wurden. Kein Wunder, denn die apokryphen Evangelien enthalten hochspannende Texte: Da wird zum Beispiel die Geburt Marias und ihre Kindheit phantasievoll und detailliert erzählt. Es soll deutlich werden, dass Maria schon von Anfang an eine besondere Frau ist, gerade geeignet diesen Jesus zur Welt zu bringen. Da wird aber auch erzählt, dass Josef monatelang als Zimmermann im Land unterwegs ist, während Maria schwanger wird. Auch hier ist die Botschaft deutlich: Dieser Josef kann nicht der Vater Jesu sein.
Heute muten solche und andere Episoden fremd an. Aber ihr Gehalt ist klar. Sie erzählen, dass dieser Jesus ein besonderes Kind aus besonderen Verhältnissen ist: ein Gotteskind. Sicher: Ein Kind aus einfachen Verhältnissen, ein Kind, das nicht bei Kaisern und Königen aufwächst. Aber trotzdem: ein Kind, das anders ist, das besonders ist. Schon deshalb, weil dieser Jesus ohne Zweifel aus merkwürdigen, aus wunderbaren Verhältnissen kommt. Und die apokryphen Evangelien erzählen, dass Gott eben nicht dort wohnt, wo das Geld sitzt, wo die Macht zu Hause ist, wo man mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wird. Gott kommt dort zur Welt, das halten gerade die apokryphen Texte fest, wo es niemand erwartet, wo Menschen einfach nur bereit sind für die Botschaft Gottes, wo sie offen sind für Gott. Selbst in ganz einfachen Verhältnissen. Das ist die adventliche Botschaft dieser unbekannten Texte: Gott gehört ganz besonders in die Welt der ganz normalen, einfachen Leute.
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