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SWR4 Abendgedanken

„Bitte entschuldigen Sie meine Tränen!“, hat der Mann gesagt, dessen Frau gestorben war. Ich saß mit ihm in seinem Wohnzimmer. Neben dem Fenster stand noch das Pflegebett seiner Frau. Er hat mir von ihren letzten Stunden erzählt. Die waren schwer.  

Warum entschuldigen sich Menschen, wenn sie weinen? Ich verstehe das nicht. Wir entschuldigen uns doch auch nicht, wenn wir lachen. Entschuldigen sie sich, weil Weinen zeigt, wie schlecht es ihnen geht? Weil sie andere damit nicht belasten wollen? Oder weil sie stark sein wollen und niemandem leid tun?

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Diesen Satz kennen viele. Besonders Männer. Wer ihn als Kind gehört hat, erinnert sich an die Erwartung der Eltern: „Männer weinen nicht!“ Wer so erzogen wurde, dem ist das Weinen peinlich. Was steckt dahinter, wenn Eltern das Weinen ihrer Kinder nicht zulassen? Vielleicht wissen sie nicht, wie sie trösten könnten? Oder wollen Sie ihre Kinder damit stark machen? Mit unterdrückten Tränen?

Ein anderer Mann hat mir erzählt, dass er schon jahrelang nicht mehr geweint hat. Darauf sei er keineswegs stolz. Es wäre viel besser, wenn die Tränen endlich einmal kämen, hat er gemeint. Vielleicht würde er seinen Kummer dann los.

Mir ist diese Offenheit sympathisch. Genauso sympathisch wie Jesus, der ja auch weinen konnte. Das erzählt die Bibel. Über Jerusalem hat Jesus geweint, diese so fürchterlich umkämpfte Stadt, die eigentlich eine Perle des Friedens sein sollte. In der Bibel heißt es: „Als Jesus die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: Wenn du doch erkennen würdest, was zum Frieden dient.“

Jesus hat geweint. Und das war so wichtig, dass es in der Bibel aufgeschrieben ist. Und so wenig peinlich. So wunderbar menschlich. Mich tröstet das. Denn ich kenne das auch, dass mich Leid anrührt und ich fast mitweinen muss. Wie damals im Wohnzimmer mit dem Mann, der um seine Frau geweint hat. 

Wer seinen Tränen freien Lauf lässt, tut seiner Seele etwas Gutes. „Sich den Kummer von der Seele weinen“, sagt man da. Ärzte sagen sogar: Wer weint, lebt gesünder und länger.

Weinen tut gut. Auch den Männern. Ich bin sicher: Jesus hat sich seiner Tränen nicht geschämt. Könnte er nicht ein Vorbild sein - besonders für uns Männer?

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