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SWR3 Gedanken

Diese 93-jährige Frau hat immer noch eine starke Stimme. Esther Bejarano hat das Vernichtungslager Auschwitz überlebt. Damals haben ihre Freundinnen im Konzentrationslager zu ihr gesagt: Wenn du lebend aus Auschwitz rauskommst, musst du den Menschen erzählen, was für schreckliche Dinge an uns begangen wurden. Esther Bejarano hält bis heute Wort. Und versucht deshalb Worte für eine Grausamkeit zu finden, bei der es mir die Sprache verschlägt. Sie schildert ihre Ankunft in Auschwitz 1943. Damals ist sie  18 Jahre alt: „Die Türen der Waggons wurden geöffnet. […]Die Männer, die wir für Vorarbeiter hielten, sagten, wer krank oder gehbehindert sei, solle auf die Lastautos steigen, außerdem sollten das auch Mütter mit kleinen Kindern, schwangere Frauen und Frauen über 45 Jahre tun […] Die Autos fuhren in die Gaskammer, was wir damals noch nicht wussten. […] Wir standen nun in einer Reihe und warteten, dass uns eine Nummer auf den linken Arm tätowiert wurde. Ich bekam die Nummer 41948. Namen wurden abgeschafft, wir waren nur noch Nummern.“*  

Dem Tod so nah, verliert Esther Bejarano nicht den Lebensmut. Im Gegenteil: Ich habe noch nie eine so vitale 93-Jährige erlebt. Sie macht uns auf den Sitzen im Saal Mut gegen Rechtsextremismus heute aufzustehen. Sie tanzt zu jiddischer Musik und schmettert Lieder ihrer jüdischen Kultur.

An vielen Orten erklingt gerade Musik gegen Rechtsextremismus:  Zahlreiche deutsche Bands haben zum Konzert „Wir sind mehr“ aufgerufen. Menschen gehen an vielen orten demonstrieren. Weil sie nicht hinnehmen wollen, dass auf Deutschlands Straßen wieder der Hitlergruß gezeigt wird. Dass ein jüdisches Restaurant angegriffen wird. Dass Menschen wegen ihrer Hautfarbe und Herkunft von Rechtsextremen verfolgt werden. Jetzt gilt es jeden Tag neu zu beweisen, dass wir wirklich mehr sind: Bei Hetze gegen Flüchtlinge und Menschen anderer Religionen. Wenn sich Menschen in der Bahn auf einen anderen Platz setzen, weil ihr Sitznachbar eine dunkle Hautfarbe hat. Wenn relativiert wird, was in Auschwitz und anderswo an Grausamkeit geschah.

 *Esther Bejarano: Erinnerungen. LAIKA-Verlag, Hamburg 2013. Paperback 2016, aktualisierte Ausgabe.

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