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SWR3 Gedanken

Für ein Radiointerview treffe ich Sandra Schulz. Sie ist Spiegel-Journalistin, Buchautorin und Mama der heute dreijährigen Marja. Als Sandra Schulz schwanger ist, will sie alles richtig machen und nutzt die vorgeburtliche Diagnostik. Aber das Ergebnis stürzt sie in große Unsicherheit und überfordert sie komplett: Down-Syndrom, schwerer Herzfehler und Hydrozephalus, also zu viel Hirnwasser, werden bei Marja festgestellt. Und die sprachsensible Journalistin stellt auch etwas fest: Da ist ab diesem Zeitpunkt nicht mehr von dem ungeborenen Kind in ihrem Bauch die Rede. Nein, nach dem Anruf der Pränatalmedizinerin wird die Sprache plötzlich sehr sachlich, sehr nüchtern. Es geht nicht mehr um Marja. Es geht um eine Kombination von Diagnosen. 

Ein Arzt sagt zu ihr: „Das ganze Kind hat so viele Fehler.“* Das verletzt. Und wird der Titel ihres Buchs über die eigene Schwangerschaft. Zum Kopf von Marja sagte ein anderer Mediziner sogar: „Das ist Schrott“. Schlimme, wirkmächtige Worte für eine Schwangere in seelischer Not. Zweimal hat Sandra Schulz einen Termin für einen Abbruch. Zweimal geht sie nicht hin. Auch Dank Menschen, die ganz anders reden . Die sich mit ihr auf das Kind freuen: wie die Hebamme, die die Hand auf den Bauch legt und „Hallo Marja“ sagt.

Für Sandra Schulz stellt sich die Frage: „Warum prüfen wir unsere Kinder so sehr? Und was für ein Menschenbild steckt dahinter?“ Und auch andere stellen sich diese Frage: Einmal trifft Sandra Schulz in ihrer Schwangerschaft eine Frau, deren Mutter einen Schlaganfall hatte und plötzlich gelähmt war. Sie tauschen sich aus. Die Frau erzählt: „Ich wurde gefragt: Macht das denn Spaß sowas rumzuschieben? ´Sowas´ war dann meine Mutter.“ Sandra Schulz und die Frau fassen schnell Vertrauen zueinander: Vertrauen, weil beide darum wissen, dass das Leben selbst verletzlich ist. Dass jeder Mensch verletzlich ist. Und das ist kein Fehler, kein Schrott, weil es von der Norm abweicht. Im Gegenteil: Verletzlichkeit, das ist ganz normal.

*„Das ganze Kind hat so viele Fehler. Die Geschichte einer Entscheidung aus Liebe“ von Sandra Schulz ist im rowohlt – Verlag erschienen, 240 Seiten,  Reinbek bei Hamburg 2017.

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