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SWR3 Gedanken

Ich will ihn nicht missen. Den Steven. Mein bester Nachbar in der gesamten Studentenzeit. Abends immer noch mal geklopft: „Wie geht’s? Wie war der Tag?“ein bisschen Fussball geguckt. Ein, zwei Bier getrunken. Heimat erlebt in einer fremden Stadt. Auch wegen Steven aus der Lutherstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt. Wir konnten nur Nachbarn werden, weil eine Mauer fiel. Vor 29 Jahren.

Ich will sie nicht missen. Die Margarethe. Hab sie beim Krankenbesuch kennengelernt. Und die besten Gespräche meiner Ausbildungszeit mit ihr geführt. Über Gott und die Welt. Mit einer Trümmerfrau, die  Deutschland wieder aufgebaut hat nach dem Krieg. Großes vollbracht für das Land, aber heute nur eine kleine Rente. Und trotzdem: Sie  bleibt nicht bei sich, sie ist informiert über jeden Winkel der Welt, um mitreden zu können. Und um sich einzumischen, wenn Politiker Mauern bauen wollen und Gemeinschaft zertrümmern. Damals vor 57 Jahren . Und heute.

Ich will ihn nicht missen. Den Ahmad. Ich habe am meisten von ihm gelernt in meinem bisherigen Berufsleben –  und zwar in Sachen: Neu anfangen und immer wieder aufstehen. Er macht seine Ausbildung als Schreiner  ohne Muttersprache, aber mit ganz viel Motivation. Und sein Betrieb hofft er kann hier bleiben, nach dem Spurwechsel als so dringend benötigte Fachkraft. Über eine Mauer aus Stacheldraht ist er über Ungarn gekommen. Zu Hause verfolgt von einem totalitären Regime – es gab sie nicht: die Meinungs- und Pressefreiheit. Er konnte am Stacheldraht nur vorbei  kommen, weil man Grenzen geöffnet hat. Vor  genau drei  Jahren. 

Ich will sie nicht missen, Steven, Margarethe und Ahmad. Denn wir sind eins. Sind eine Einheit und  Teil des bunten Mosaiks Deutschland, das ich heute feiere. Eine Einheit, die ich mir nicht auseinanderdividieren lasse. Der Tag der deutschen Einheit, das ist der Tag des Falls von Mauern aus Stein und aus Vorurteilen. Das ist der Tag der Einheit von Menschen, die Freunde geworden sind. Es ist der Tag von Steven, Margarethe, von Ahmad und mir.

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