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SWR2 Wort zum Tag

„Wer als Christ um Sieg über andere betet, betet nicht Gott an, sondern einen Dämon.“ Diese Botschaft hat der Maler Willibald Krain Kirchen und Christen ins Gewissen geschrieben. In seinem Bilderzyklus „Krieg“.

Ich muss gestehen, dass ich von diesem Künstler noch nicht gehört hatte. Bis ich auf eine Ausstellung zum Thema „Frieden“ aufmerksam geworden bin.

1916, mitten im 1. Weltkrieg hat Krain einen Bilderzyklus gemalt: ein einziger Aufschrei gegen den Krieg. Und ein Manifest dafür, dass Christen nicht für den Sieg beten dürfen, sondern nur für Frieden. Krain stand damit 1916 ziemlich alleine. Auch viele Künstlerkollegen haben ihre Kriegserfahrungen erst nach 1918 öffentlich gemacht. Und Krieg dann auch radikal kritisiert und verurteilt. 1916 war Krain eine Einzelstimme. Als Künstler und erst recht als Bürger.

Frankreich, Deutschland, England, Russland, Italien, Österreich; alle europäischen Nationen waren christlich. Alle Nationen haben geglaubt, Gott sei „an ihrer Seite“. Und alle haben ihr eigenes Töten im 1. Weltkrieg als gerecht „geheiligt.“

Ein Bild aus Krains Zyklus bringt diese heillose Verirrung besonders scharf zum Ausdruck. Auch theologisch:
Da drängt sich eine große Menge Menschen um ein riesiges Kreuz, das hoch in den Himmel ragt. Die Menschen beten inbrünstig. „Um den Sieg“, macht der Titel des Gemäldes klar. Die Menschen glauben, am Kreuz hinge Christus. Ein furchtbarer Irrtum. Wer wirklich da hängt, das zeigt der Künstler nur mir als Betrachter. Den Menschen im Bild ist der Blick nach oben verstellt, durch eine finstere Wolkendecke. Über dieser sieht mich als Betrachter eine übergroße wütende Fratze an, vor blutrotem Himmel. Die Arme weit ausgebreitet. Aber diese Gestalt leidet nicht, sondern hat beide Hände zu Fäusten geballt: Der gewaltsame Dämon des Krieges. Ihn beten die Menschen an. Einen bösen Gott, der sie verderben wird.

„Wer als Christ um Sieg über andere betet, betet nicht zu Jesus, sondern zu einem Dämon.“ So verstehe ich dieses Bild von Willibald Krain. 1916 wollte niemand ihn hören.
Und damit haben Christen und Kirchen auch Jesus nicht gehört. Denn ein Wort, das Jesus in der Bergpredigt jedem mitgegeben hat, der in seinem Sinn leben will, heißt: „Selig sind die Frieden stiften, sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden.“

Ich höre daraus: Auf Krieg liegt kein Segen. Und auch auf Nationalismus nicht, denn in ihm steckt der Hang zur Gewalt. Auch heute. Christen können nicht oft genug um Frieden beten. Stimme für ihn sein und Frieden mitgestalten. Wie Willibald Krain.

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