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SWR4 Abendgedanken

Letzte Woche ist eine 76-jährige Frau gestorben, die ich gut gekannt habe. Sie war Pfarrerin. Bei ihr habe ich das Pfarrerhandwerk gelernt. Zum Beispiel wie man eine Predigt gut vorbereitet. Oder wie man ein Beerdigungsgespräch so führt, dass die Angehörigen getröstet werden. Sie hat mir viel beigebracht. Dafür bin ich dankbar.

Pfarrerinnen wie sie gibt es noch nicht lange in der evangelischen Kirche. Genauer gesagt erst seit 50 Jahren. Am Anfang hat sich die auch die evangelische Kirche schwer getan mit der Vorstellung, dass Frauen auch Pfarrerinnen sein können. „Pfarrgehilfin“ hat man sie genannt. Also eine Unterstützung gewissermaßen für Pfarrer, die viel zu tun haben. Kümmern sollten die sich um die Frauen, Mädchen und Kinder in den Gemeinden. Gottesdienst leiten und Sitzungen abhalten – also das, was man für wirklich wichtig hielt – das sollten weiterhin nur die Pfarrer machen. Wollte eine „Pfarrgehilfin“ heiraten, musste sie ihren Beruf aufgeben. Erst 1968 hat die Kirchenleitung in einer Ordnung festgelegt, dass der Dienst dieser Frauen genauso viel Wert ist wie der der Männer. Das war letztlich eine Folge aus den Überzeugungen der Reformation: Alle Getauften haben Zugang zu kirchlichen Ämtern – auch Frauen.

Heute arbeiten in der evangelischen Kirche fast genauso viele Pfarrerinnen wie Pfarrer. Manche sind sogar Bischöfinnen. Ich bin überzeugt: Ohne diese Frauen mit ihren Begabungen wäre meine Kirche ärmer.

Auch die Pfarrerin, die mich ausgebildet hat, hatte viele Begabungen. Sie konnte sehr gut predigen, fand ich. Das Wichtigste, was sie mir beigebracht hat, war Gottvertrauen. „Gott will aus dem, was du als Pfarrer tust, Segen wachsen lassen“, hat sie zu mir gesagt. Das hat mir Mut gemacht. Sie hat viele Gemeindeglieder auch im Sterben begleitet und dann beerdigt. Am Grab hat sie von Gott erzählt, von dessen Liebe uns Menschen nichts trennen kann. Auch nicht der Tod. Ich bin sicher, sie selber ist in diesem Gottvertrauen gestorben.
Ich bin froh, dass sie mich ausgebildet hat. Und auch, dass wir seit 50 Jahren Pfarrerinnen in meiner Kirche haben. Ich finde, das ist ein Grund zum Feiern.

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