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SWR2 Wort zum Tag

„Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“ Immer häufiger begegnet mir diese Maxime. Schulen wie auch helfende und unterstützende Einrichtungen in der Kranken- und Altenpflege behaupten gerne von sich: Bei uns ist der Mensch das Maß aller Dinge. Auch als Werbeslogan ist dieser Satz beliebt, wenn es darum geht, Versicherungen oder Investmentfonds zu verkaufen: »Die Kunden sollen wissen: Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt.«

Mit dem Satz »Der Mensch ist das Maß aller Dinge« – kann ich mich anfreunden. Er klingt menschlich auf eine Art. Doch dann zögere ich ein wenig. Und frage mich: Welcher Mensch ist eigentlich gemeint? Es könnte damit gemeint sein:
Der Mensch, der sich durch wirtschaftlichen Erfolg auszeichnet.
Der Mensch, der sich als Techniker und Forscher hervortut.
Der Mensch, der immerfort gesund ist  – der alles hinkriegt – der niemals scheitert.
Der Schöne und Hochbegabte und Erfolgreiche - beliebt bei allen.
Oder der Gebrechliche, Leidende, Schwache.
Wer ist dieser Mensch, der Maß sein kann für Menschsein schlechthin?

In der Bibel gibt der römische Statthalter Pilatus eine Antwort auf diese Frage. Er sagt über Jesus - kurz und trocken  - in einem Satz:  „Seht da, der Mensch!“
Und Pilatus war nun einer, der alles andere als sparsam war mit Gewalt gegen Menschen. Ausgerechnet der sagt über den gefangenen, gequälten und angeklagten Jesus: „Seht da, der Mensch!“ Mir fällt auf:  Selbst ein Gewalttäter - wie Pilatus - sieht und spürt:

Dieser eine - Jesus von Nazareth - ist der Mensch schlechthin – Maß der Menschlichkeit, definitiv. Was macht ihn dazu?
Er kommt nicht mit Gewalt und Aufruhr daher.
Er ist beliebt bei Machtlosen und wird von Mächtigen angefeindet.
Er liebt Schwache und Starke, Nahe und Ferne, Fremde und Vertraute.
Er hofft und gibt keinen verloren.
Er feiert und trauert, zeigt Angst und Zweifel, geht Enttäuschungen und Leiden nicht aus dem Weg.
Liebe und Zuwendung zu Anderen sind bei ihm zentral.

Ein ganzer Mensch – mit so vielen Seiten, an denen wirkliches Menschsein transparent wird. Ich denke: Wo dieser eine - Jesus von Nazareth - zum Maßstab genommen wird, haben Christen und Nichtchristen einen klares Maß für Menschlichkeit vor Augen.
Ein menschliches Maß auch für viele Dinge, die in einer Schule oder einer Pflegeinrichtung zu bedenken sind. Und auch betriebswirtschaftliche Berechnungen – auch Vermögensberater – brauchen für das, was sie tun, ein Leitbild der Liebe.

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