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SWR2 Wort zum Tag

Jesus hat selbst nichts geschrieben. Andere haben über ihn geschrieben, erzählen von ihm, überliefern seine Worte der Nachwelt. Am bekanntesten ist die so genannte „Bergpredigt“ aus dem Matthäusevangelium. Der Titel ist irreführend: Keine Predigt, keine Rede Jesu ist das, zu irgendeinem Anlass, sondern eine Sammlung von Aussprüchen Jesu.

Doch die Zusammenstellung fügt sich sinnvoll zusammen. Auf mich wirkt sie wie eine Art „Magna Charta“ des Reiches Gottes. Eine Erklärung der Menschenrechte und Menschenpflichten im Licht der großen Vision Gottes für die Menschen. Sie umfasst eigentlich alles, was für unser Reden und Handeln, für unser Empfinden, für unsere Lebensgestaltung, für unseren Umgang miteinander wichtig ist.

Gewissermaßen die Präambel dieser „Magna Charta“ sind die „Seligpreisungen“. Ein altes Wort! Gemeint sind eine Art „Glückwünsche“. Matthäus eröffnet die „Bergpredigt“ Jesu mit einer Reihe von Ermutigungen und Zusagen: „Glücklich sind die Sanftmütigen!“ – „Glücklich sind die Friedensstifter!“ – „Glücklich sind die Leidtragenden!“

Jesus sieht das Leben der Menschen im Licht Gottes an. Für ihn hat sich Gott nicht aus dieser Welt zurückgezogen. Jesus findet Gott da, wo Menschen leben – in ihrem Glück und Unglück, in ihrem Erfolg wie Misserfolg, im Lachen und im Trauern. Gott schließt menschliche Höhen und Tiefen gleichermaßen ein. Und seine Gegenwart reicht auch in die Defiziterfahrungen menschlichen Lebens.

Eine dieser Seligpreisungen Jesu lautet: „Glücklich dürfen sich alle nennen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie sollen gesättigt werden.“

Wer hier an Jenseitsvertröstung denkt, liegt daneben. Jesus sagt nicht: „Macht euch nichts draus, wenn ihr hier Unrecht erleidet. Im Himmel wird alles besser sein.“ Er sagt: „Wer nach Gerechtigkeit hungert, wird satt werden.“

Da wird ein Horizont der Hoffnung eröffnet, ohne den jeder Einsatz für mehr Gerechtigkeit sinnlos wäre. Kein Bauer in Lateinamerika, kein Schwarzer in Zentralafrika, keine indische oder vietnamesische Billiglohnarbeiterin könnte ohne diesen Horizont leben. Und keine Friedensinitiative, keine Menschenrechtsgruppe, kein „Eine-Welt-Laden“ könnte ohne diese Perspektive kämpfen: Es wird einen gedeckten Tisch geben – auch für die, die jetzt noch gar keinen Platz an der Tafel haben.

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