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SWR2 Wort zum Tag

Im Jahr 32 nach Christus beunruhigte eine Schreckensmeldung die Bewohner Galiläas. Hätte es damals Zeitungen gegeben, so hätte man vielleicht folgende Schlagzeile auf der ersten Seite lesen können: „TURM IN SILOAH EINGESTÜRZT – 18 TOTE“.

Solche Meldungen lösen üblicherweise Betroffenheit aus. Und weil einem das auf den Leib rückt, versucht man eben auch, sich davon sogleich wieder zu distanzieren. Eine uralte Strategie der Distanzierung ist es, bei den Opfern selbst irgendeine Art von Schuld zu vermuten.

Das war schon zu Jesu Zeiten so: Wenn der Turm von Siloah 18 Menschen unter sich begräbt, dann muss dahinter wohl irgendeine Strafe Gottes stehen; die Opfer würden so für ihr gottloses Leben zur Rechenschaft gezogen.

Jesus greift den Vorfall in einer seiner Predigten auf. Erzählt wird davon im Lukasevangelium des Neuen Testaments. Und er weist jeden Versuch zurück, den Opfern die Schuld für ihr Unheil selbst in die Schuhe zu schieben. Zutiefst zynisch ist das. Und Jesus sieht es ganz ähnlich.

Ich nehme an, dass wir heute von solchem Denken weitgehend befreit sind. Und doch: Ich erinnere mich daran, wie in christlich-fundamentalistischen Kreisen über AIDS als „Geißel Gottes“ geredet wurde und wird. Ich höre, wie man über afrikanische Flüchtlinge, die mit ihren Booten auf dem Mittelmeer in Seenot geraten und ertrinken, sagt: Sie hätten sich ja nicht von Schleppern zu einem derart riskanten Manöver verleiten lassen müssen. Ich höre, wie man abschätzig über das Baurecht in Bangladesh urteilt, wenn dort eine Fabrikhalle einstürzt und Hunderte von Näherinnen unter sich begräbt.

Jesus kehrt den Spieß um und fragt seine Zuhörer, wo ihr eigenes Leben nicht in Ordnung ist. Dahinter steht der für Jesus typische Grundsatz, nicht über andere zu urteilen, sondern den Finger besser auf sich selbst zu richten. Jesus spricht hier von Buße, das heißt: von notwendiger Umkehr, weil der Weg, den seine Zuhörer beschreiten, ein Irrweg ist oder vielleicht in eine Sackgasse führt. Und seine Antwort heißt: „Verändert euer Denken und Handeln!“

Wenn ich das zu Ende denke, stoße ich vielleicht ganz von selbst auf meine eigenen Irrwege und Sackgassen, auf meine Verantwortungsbereiche: zum Beispiel beim Schnäppchenkauf einer Kleidermarke, die billig in Bangladesh produziert.

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