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SWR2 Wort zum Tag

An manchen Tagen denke ich, es gibt nur zwei Sorten von Leuten: Die mit dem Fehlersuch-Blick und die mit der rosaroten Brille.
Die Menschen mit dem Fehlersuch-Blick sehen sofort, was nicht gelingt, wer nicht das tut, was er soll, was falsch ist. Sie entdecken mit scharfem Auge jeden Tippfehler und jeden Fleck auf der Hose. Ihnen entgeht nichts, was schlampig gemacht ist. Aber sie übersehen dabei den Witz im verdrehten Buchstaben, und wie die Staubflocken im Licht tanzen.

Doch auch die anderen, die mit der rosaroten Brille, sehen nur, was sie wollen. Sie meinen zu wissen, dass eine heile Familie zum Beispiel so aussieht wie das Paar mit dem süßen Jungen. Sie sehen nicht die Anspannung der Eltern, die um die labile Gesundheit ihres Kindes fürchten. Mit dieser Brille auf der Nase gibt es keine Krankheit und kein Elend, keinen Trübsinn und keine Traurigkeit.
Ich kenne, ehrlich gesagt, beides: Tage, an denen ich mit meinem Fehlersuch-Blick herumlaufe. Und genauso Zeiten, in denen ich eine rosarote Brille aufsetze und alles ein bisschen weichgezeichnet wahrnehme. Wie geht das: Sehen. Richtig sehen.

Der Apostel Paulus schreibt der Gemeinde in Korinth: Es stimmt, wir reiben uns an unserem Alltag auf. Doch der innere Mensch kann sich Tag für Tag erneuern. Wenn wir unseren Blick auf das Unsichtbare richten. Denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare aber ist ewig. (2.Kor.4,16-18)

Was ist das, das Unsichtbare? Paulus antwortet: Es ist das, was der Glaube sieht.
Ich stelle mir das so ähnlich vor wie in der Redewendung: Vor meinem „inneren Auge“ sehe ich, was ich nur ahne, mir wünsche und erhoffe. Ich sehe es und lasse mich davon inspirieren. So zum Beispiel:

Wenn wir unser „inneres Auge“ öffnen, sehen wir, wie kraftvoll und lebensfroh und verschmitzt ein Mensch einst war, den Krankheit und ein schwächer werdender Körper im Alter gezeichnet haben.
Wenn wir unser „inneres Auge“ öffnen, sehen wir die Zufriedenheit, die eine Aufgabe schenkt, auch wenn wir uns gerade mühsam durch die Anforderungen kämpfen.
Wenn wir unser „inneres Auge“ öffnen, sehen wir, wo wir hinwollen, auch wenn wir meinen, in der Mühsal des KleinKlein stecken zu bleiben.

Unser „inneres Auge“ sieht hinter das Offensichtliche. Es blendet Fehler nicht aus. Aber es sieht, wie es anders sein könnte. Es übermalt nichts mit Rosarot. Aber es erkennt, welche Möglichkeiten sich in einem Menschen wecken lassen. Der Glaube ist so etwas Ähnliches: Der Glaube ist eine Kunst des Sehens, die hinter dem Sichtbaren das Unsichtbare wahrnimmt.

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