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SWR2 Wort zum Tag

Ich treffe einen alten Freund. Wir sind früher gemeinsam bei den Ministranten gewesen. Heute hat er sich von der Kirche distanziert und meint zu mir: „Schau dir viele Kirchen an. Die sind doch so gebaut, dass der, der sie betritt sich klein und unbedeutend fühlt. Geht es der Kirche nicht darum, Menschen klein zu halten?“

Ich mag ihm noch nicht einmal widersprechen. Beim Bau vieler Kirchen ist es vermutlich nicht nur um die größere Ehre Gottes gegangen. Viele der Prachtbauten haben wohl auch den Zweck gehabt, zu zeigen, wie groß und mächtig die Kirche ist. Und um diese Macht zu zementieren, wurden Menschen klein gemacht. Und das nicht nur durch die Architektur der Kirchen, sondern auch durch die Worte, die darin gepredigt worden sind.

Ich kann daher die Kritik nachvollziehen. Der Protz so mancher Kirche schreckt mich ab. Aber ich kenne auch ein anderes Gefühl, das mich manchmal ergreift, wenn ich eine besonders eindrucksvolle Kirche betrete. Ich stehe da und staune. Das Gefühl ist so ähnlich, wie wenn ich einen Sternenhimmel in den Bergen anschaue. Ich fühle mich klein und bin ergriffen zugleich.

Einige Tage später lese ich in einem Buch diese Geschichte: Ein König malt eine schwarze Linie an die Wand seines Palasts. Dann versammelt er seine Weisen und fragt sie: „Seht ihr eine Möglichkeit, diese Linie zu verkleinern, ohne sie zu berühren?“ Eine Weile stehen die Weisen ratlos da und finden keine Lösung. Dann nimmt einer von ihnen den Pinsel in die Hand und zeichnet oberhalb der ersten Linie eine zweite. Diese ist um ein Vielfaches länger ist als die ursprüngliche. Betrachtet man jetzt die beiden Linien, dann wirkt die erste viel kleiner als zuvor, ohne dass sie auch nur um einen Millimeter gekürzt worden ist.

 

Für mich ist das eine zentrale Botschaft des christlichen Glaubens: jeder Mensch ist kostbar und wertvoll, weil er von Gott so geschaffen ist, wie er ist. Das zeigt die kleine Linie, von der in der Geschichte die Rede ist. Niemand hat das Recht, ihr die ursprüngliche Größe zu nehmen, die ihr immerhin der König selbst gegeben hat. Ich darf mir meiner eigenen Größe bewusst sein, in dem, was ich bin und was ich kann.

Die andere Linie ist aber genauso wichtig. Sie verweist mich auf etwas viel Größeres – auf Gott. Das macht mich nicht kleiner als ich bin, aber es relativiert einiges. Ich bin nicht das Zentrum des Universums. Nicht alles dreht sich nur um mich und meine Bedürfnisse. Und es weitet meinen Horizont. Wenn mir das bewusst ist, entlastet es mich: ich muss nicht immer möglichst groß rauskommen.

Die eigene Größe ins rechte Maß zu setzen, ist für mich eine große Kunst. Ja, ich bin unbedeutend, winzig und klein und doch zugleich wertvoll und kostbar.

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