Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Der Mai klingt für mich nach Frühling! Das liegt am Gesang der Vögel, die schon frühmorgens die Welt mit jubelnden Tönen erfüllen. Manchen Menschen ist das zu laut: „Morgens schreien die Vögel“ hat mir einmal ein Mann geklagt. In der Tat singen Sie laut, aber ich kann nur voller Bewunderung anerkennen, welche Tongewalt aus der kleinen Brust eines Rotkehlchens entspringen kann. Für mich ist das ein klingendes Gotteslob am Morgen, die Schöpfung preist ihren Schöpfer mit berauschenden Tonkapriolen. Ich mag Vögel! Das mag auch daran liegen, dass meine Eltern sich bei einer ornithologischen Wanderung näher kennengelernt haben und mir die Liebe zu den gefiederten Wesen sozusagen in die Wiege gelegt worden ist.. Jedenfalls genieße ich es, wenn ich das Gefühl habe, dass der frische grüne Morgen nur mir und dem Gesang der Vögel gehört. Doch auch Nachtschwärmer können in Sachen Vogelruf auf ihre Kosten kommen. Ich habe einmal bei einem nächtlichen Spaziergang zufällig eine Nachtigall schlagen gehört und bin vor lauter Faszination fast eine Stunde lang stehengeblieben, um ihrem Gesang zu lauschen.

Im Mai sind meine gefiederten Mitgeschöpfe ganz schön im Stress. Sie müssen brüten und dann ihre Jungvögel füttern. Von einem Biologieprofessor habe ich gelernt, dass es wichtig ist, das Vogelhäuschen auch im Mai gut zu bestücken, ja überhaupt das ganze Jahr hindurch. Denn die Vögel sind manchmal bis zur Erschöpfung bei der Arbeit und müssen sich und ihre Brut dazu vor den vielen Katzen in Sicherheit bringen, die ihr Leben bedrohen. Dazu ist der Bestand an Insekten ebenso dramatisch zurückgegangen wie die Zahl der Vögel, beides hängt zusammen. Wie fatal die Auswirkungen unseres grausamen Umgangs mit der Schöpfung sind kann man daran feststellen, dass es immer weniger Vögel gibt und manche Sorten schon ausgestorben sind oder unrettbar dem Aussterben ausgesetzt sind, wie etwa das Braunkehlchen. Wer unbedingt meint, dass der eigene Garten eine mit der Nagelschere getrimmte Rasenfläche mit anschließender Kieselbestückung sein muss, trägt entscheidend dazu bei, dass Vögel sterben. Vögel und Insekten brauchen Hecken und Obstbäume und Blumen.

Für mich klingt der Mai nach Frühling und Lebensfreude und frischer Lebenslust nach einem kalten Winter! Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie eine Welt aussieht, in der keine Amsel mehr singt. Jedes Vogelhäuschen ist immerhin ein kleiner Schritt der Unterstützung. Und jeder Gesang meiner gefiederten Mitgeschöpfe auch eine Erinnerung daran, dass die Schöpfung meinen Gott viel inniger lobt als ich es kann – und vielleicht ja sogar stellvertretend für mich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26515