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SWR2 Wort zum Tag

„Mein Tag müsste 48 Stunden haben“, sagt eine Kollegin, und ich denke: Bloß nicht. Mir reicht es völlig, was sich in den 24 Stunden ereignet, die der Tag hat. Zum Glück geht das nicht: Die Zeit zu verdoppeln, auch wenn die Versuchung groß ist, immer noch mehr hineinzupressen in die Minuten, Stunden und Tage.

Der Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech setzt sich mit der Frage auseinander, wie die Tendenz, nicht nur das wirtschaftliche Wachstum zu steigern, sondern auch die persönliche Zeit effizienter zu gestalten, unsere Gesellschaft prägt. Und wie es anders sein könnte.

Er und andere sagen: Das wirtschaftliche Wachstum wird durch weniger werdende Ressourcen gebremst und verändert. Damit man in diesem Prozess nicht der Not gehorchen muss, sondern ihn gestalten kann, braucht es große politische Veränderungen. Und dafür braucht es Vordenker, die zugleich auch persönlich überzeugen durch ihre Lebensweise: Menschen, die das Auto, die Waschmaschine oder Handwerksgeräte teilen, die bewusster reisen, Arbeit besser verteilen, Überflüssiges reduzieren, weniger konsumieren. Es gibt viele Beispiele, wie das im Kleinen funktioniert, zum Beispiel bei Tauschringen oder bei sharing-Modellen in Nachbarschaften. Im Großen muss eine Debatte über globale Postwachstums-Konzepte geführt werden.

Sich bewusstmachen, dass es Grenzen des Immer-Weiter-Wachsens gibt, ist zunächst aber auch ein ganz persönlicher Prozess. Dieser kann mit dem eigenen Umgang mit Zeit beginnen.

Ich kann einen Sonnenuntergang nicht beschleunigen. Wenn ich ihn erleben will, muss ich Zeit mitbringen. Das Glas Wein am Abend ist nicht genussreicher, wenn ich es hinunterstürze, auch wenn der Abend nur wenige Stunden hat, in die ich möglichst viel hineinpacken will. Genießen braucht Zeit. Ich brauche Zeit, um über etwas nachzudenken, das im Trubel der täglichen Aufgaben keinen Platz hat. Ich brauche Zeit für ein Telefongespräch mit einer Freundin oder für ein Mittagessen mit Kollegen, bei dem nicht schon die nächsten Aufgaben besprochen werden.

Das weiß man doch, oder? Und trotzdem passiert mir es immer wieder: Dass ich versuche, meine Zeit möglichst effizient zu füllen, damit ich Zeit für anderes habe – und habe doch nichts gewonnen dabei außer dem Gefühl, die Stunden noch voller gepackt zu haben.

Zeit wächst nicht, sie ist einfach da. Ich kann und soll sie füllen. Nicht 48, sondern 24 Stunden am Tag. Das überfordert mich manchmal, klar. In Bibel steht: „Meine Zeit, Gott, steht in deinen Händen.“ (Ps.31,16) Das heißt für mich: Lebenszeit ist keine Optimierungsaufgabe. Sie ist geschenkt.

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