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SWR2 Wort zum Tag

Manchmal sprechen meine Kinder „Ka“. Die Sprache haben sie sich selbst ausgedacht. Eigentlich ist sie recht einfach. Wenn sie „Ka“ sprechen, dann sagen sie immer genau das Gegenteil von dem, was sie meinen. „Ich möchte kein Honigbrot essen“, bedeutet: ich will eins. Antworten sie auf eine Frage mit „nein“, dann heißt das „ja“ usw. Im Prinzip ist das ein lustiges Spielchen, aber manchmal nervt es. Dann, wenn ich nicht weiß, ob sie gerade „Ka“ sprechen oder nicht. Schuld bin dann natürlich ich, wenn sie nicht das bekommen, was sie wollen. Als das mal wieder der Fall ist, hat meine Tochter empört gesagt, „Ich spreche Ka!“ Mit ein wenig Hilfe ist sie dann darauf gekommen, dass diese Aussage nicht wirklich weiterhilft. Weil wenn sie tatsächlich „Ka“ spricht, dann bedeutet der Satz das Gegenteil: „Ich spreche kein Ka.“

Wir haben da am Essenstisch etwas Wichtiges erkannt: Sprache muss verlässlich sein. Leider gibt es zurzeit Tendenzen, die in eine ganz andere Richtung gehen. Das Stichwort heißt „Fake-News“. Da setzen Menschen falsche Nachrichten in die Welt, um eine gesellschaftliche Debatte zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Kurzfristig mag das erfolgreich sein, langfristig verliert die Sprache ihren Sinn. Wenn ich mich grundsätzlich nicht darauf verlassen kann, dass das, was jemand sagt, schreibt oder postet, ehrlich gemeint ist, dann sind die Aussagen für mich wertlos.

„Euer Ja sei ein Ja, und euer Nein ein Nein“, warnt Jesus in der Bergpredigt sehr klar. Alles andere stammt für ihn „vom Bösen“. Das Böse zeichnet sich für mich dadurch aus, dass es lebensfeindlich ist. Es zerstört eine Ordnung, die wir brauchen, um miteinander leben zu können.

Meine Kinder haben eine Lösung gefunden, wie sie weiterhin Ka sprechen können. Sie stehen auf und sagen: „Ich sitze“. Dann weiß ich, woran ich bin. Sie sprechen „Ka“. So ist es für mich auch mit Satire oder Fiktion. Wenn ich es weiß, dann kann ich damit umgehen. Etwas anderes ist es allerdings, wenn Leute etwas als Tatsache darstellen, obwohl sie wissen, dass es schlichtweg falsch ist.

Natürlich bleibt es meine Verantwortung, kritisch zu sein und mein Möglichstes zu tun, nicht leichtfertig irgendwelchen Lügen aufzusitzen. Aber auch jeder oder jede, die etwas behauptet, ist dafür verantwortlich, dass Sprache weiterhin verlässlich bleibt.

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