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SWR2 Wort zum Tag

Schluss mit „Weiter so“ – tönt es aus allen Ecken. In der Politik, im Umgang mit der Natur – in der Pädagogik. In so vielen Lebensbereichen. Bloß nicht: „Weiter so!“ Sehr verschiedene Lager – mit sehr gegensätzlichen Vorstellungen – eint ein immenses Unbehagen an der aktuellen Lage. Bin ich zu alt – zu etabliert, zu gut versorgt, dass ich da nicht mit kann?
Doch ganz unabhängig von der sozialen Stellung höre ich, wie Junge und Alte sich beschweren: „Also das mit der Medizin, das mit den Flüchtlingen - das geht gar nicht.“ Und erst die Ökobeschränkungen! Und was da an der Schule los ist - Schluss damit!“

Einerseits spüre ich eine Wut – „So geht’s nicht weiter!“ – andererseits sehe ich auch eine sehr geringe Bereitschaft selber etwas am eigenen Lebensstil zu ändern. Eine vertrackte Gemengelage. Und die Religion – der Glaube?

Da wird auch oft radikaler Neuanfang propagiert. Man solle und müsse alles Alte und Bekannte hinter sich lassen – erst dann kann ein neues Leben und eine neue Welt anbrechen. Ein bekanntes Muster. Auch im Christentum. Doch es lohnt ein zweiter Blick – um eine zweite Dimension wahr zu nehmen. Bevor zB Jesus im Bild eines radikalen Schlussmachers erstarrt, möchte ich an sein Wort erinnern: Ich bin nicht gekommen abzuschaffen – sondern zu erfüllen – das Überlieferte und Verheißene nämlich – Gottes Gebote. (Matth 5,17) Und auch der Völkerapostel Paulus mahnt: Bevor ihr Altes über Bord werft, „prüfet aber alles, und das Gute behaltet!“ (1Th 5,21)

Das ist wohl die Erfahrung von Erneuerern in großen Umbrüchen: Mit Abbrechen und über Bord werfen allein, kommt nichts Neues in die Welt, das weiter trägt. Mit einem puren Pathos des Neuen geht man leicht den Schwarzmalern auf den Leim - deren Medikamente angeblich erst wirken und heilen, wenn mit allem bisherigen Schluss ist. Die letzte große verheerende deutsche Revolution – die vom 31. Januar 1933 – hat mit solchen Mustern Erfolg gehabt.

Heute, finde ich, ist es angezeigt, zu prüfen, wie es zum Frieden und Wohlergehen der Völker in Europa gekommen ist, wo Dinge versäumt und vergessen sind, die einmal soziale Gerechtigkeit ausgemacht haben, die die Natur geschont haben.

Genau hinschauen und prüfen: Was ist zu bewahren – was ist wieder neu zu entdecken – was gehört aus guten Gründen abgeschafft und was gehört neu ins Leben gerufen. Eine Weisheit aus dem Talmud bringt diese differenzierende Haltung auf den Punkt: „Höre auf das Alte, so wirst Du das Neue hören!“ (bBerachot 40a). Gerade so, stelle ich mir vor, gehen einem Lichter auf für neue Wege.

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